Hanf im Glück und als Casus Belli

8. März 2002, 21:30
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Seit 12.000 Jahren begleitet Cannabis die Menschen - wachsender Graben zwischen USA und EU

Unlängst zeigte Harald Schmidts Assistent Manuel Andrack dem Fernsehpublikum das Geschenk einer Briefschreiberin, ein Klümpchen Haschisch, und stellte betrübt fest, dass er nun eigentlich straffällig sei, als Besitzer mit Verfügungsgewalt immerhin. Was solle er tun, fragte er. Vielleicht wäre er das Problem los, wenn er das Piece dem Publikum schenkte? Zustimmender Applaus der Kölner Bürger im Saal (Bürger aller Altersstufen und Parteicouleurs, wie die "Wahl-Umfrage" zeigte).

Das wohlwollende Publikum hätte es auch nicht weit, wenn es sich Cannabis legal besorgen wollte; zwar nicht im Laden am Eck, aber in den Niederlanden, in einem Koffie-Shop. Andererseits gibt es tatsächlich die Gesetze, die zwar nicht den Konsum, doch den Besitz unter Strafe stellen, wie immer sich das ausgehen soll. Und es gibt die unterschiedlichsten Aussagen, was die Wirkungen und Nebenwirkungen von Haschisch betrifft, nicht nur die persönlichen, auch die gesellschaftspolitischen. Über die schmerzlindernde Wirkung von Marihuana wird zwar immer mehr (wieder) bekannt, zugleich wird nach wie vor ein "Krieg gegen Drogen" gegen alles geführt, was als "kontrollierte Substanz" gilt, also auch gegen Hanf. Schon allein deswegen bleibt das Thema in den Schlagzeilen. Für April planen Legalisierungsbefürworter einen Marsch auf Washington. In Kürze wird sich eine UN-Konferenz mit "weichen" Drogen beschäftigen. Dort und in Parlamenten, in Wahlkämpfen und erst recht im Internet wird um die Deutungshoheit gerungen, was man von dieser Pflanze denken soll.

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Einig ist man sich über sehr wenig, am ehesten noch über die Vorgeschichte. Seit die Jungsteinzeitmenschen vor geschätzten 12.000 Jahren auf den Hanf kamen, galt er die längste Zeit als Nutzpflanze; vor allem Seile wurden aus ihm gefertigt, später Stoffe, Papier und vieles andere. Er war Nahrungsmittel (Hanfsamen enthalten essenzielle Aminosäuren) und - auch das ist unbestritten - ein frühes Heilkraut: Bereits 2737 v.Chr. empfahl der chinesische Kaiser Shen-Nung es als Mittel gegen "Malaria, Beriberi, Rheuma, Geistesabwesenheit und Frauenleiden".

Die Grenze zwischen Heilen und Rausch war, wie die lange und mit Cannabis eng verflochtene Geschichte des Schamanentums belegt, fließend. Die indischen Veden oder die Beschreibungen der griechischen Symposien der Philosophen sprechen von der erleuchtenden Wirkung des Hanfs. Seit dem Altertum jedenfalls ist das Kraut universell verbreitet, und es galt die längste Zeit als akzeptierter, selbstverständlicher Teil der landwirtschaftlichen Produktion und des persönlichen Genusses.

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Der Prozess der Modernisierung, die Verdrängung der Natur, die Bewegung hin zum Leistungsprinzip, die Grabenkämpfe der Ideologien und ihre Widersprüchlichkeiten im vergangenen Jahrhundert lassen sich anhand vieler Beispiele erzählen. Die Rolle von Cannabis ist ein besonders gutes.

Zum einen bedrängte die mechanisierte Landwirtschaft, vor allem die Baumwolle, den Rohstoff, dessen Anbau in den USA früher sogar per Dekret verlangt worden war. Der pharmazeutischen Industrie wiederum war der überall wachsende und vielfach, unter anderem als milder Opium-Ersatz, eingesetzte Hanf "naturgemäß" nicht recht. Einen Frontalangriff gegen Medizinal-Hanf startete Bayer um die Jahrhundertwende mit einem "garantiert nicht süchtig machenden" synthetischen Produkt. Sein Name: Heroin. Und das weit verbreitete Hanfpapier bekam durch das zwar chemisch ungleich belastendere, aber billiger herzustellende Zelluloseprodukt übermächtige Konkurrenz.

Alle diese Schläge wären vielleicht zu verkraften gewesen, wenn sich nicht eine noch viel mächtigere Koalition aus handfesten geschäftlichen und ideologischen Interessen gegen Hanf als Genussmittel gebildet hätte: Dem Autor Jack Herer zufolge waren es die Papier-, Öl- und Chemiekonzerne, die das latent rassistische Ressentiment in den USA gegen Hanf anstachelten. Filme, die man heute nur mehr als Kabarett gelten lässt, malten aus, was passierte, wenn wulstlippige Farbige durch den Genuss von "Killer Weed" außer Kontrolle gerieten. (Damals wurde auch der fremdländische Ausdruck "Marijuana" als Pejorativ eingeführt.) Medizinische Untersuchungen belegten plötzlich das aggressionsfördernde Potenzial der Pflanze. Trotz zahlreicher Proteste von Senatoren, Ärzten und natürlich Freizeitgestaltern wurde der "Marihuana Tax Act" 1937 Gesetz. Zehn Jahre später, in der Zeit des Kalten Kriegs, war dann die zum "Pazifismus" führende Wirkung von Cannabis ein Grund für die Aufrechterhaltung des Verbots.

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Als Herers Buch Anfang der Neunzigerjahre auf Deutsch herauskommen sollte, suchte der Herausgeber Mathias Bröckers nach Gegenargumenten, weil ihm die Grundthese des Buches zu verschwörerisch schien. Er fand aber nach eigener Aussage nur Bestätigungen und Ergänzungen, die er in ein auf 100 Seiten angewachsenes Nachwort stellte, Conclusio: "Die Welt braucht Hanf". Unter anderem machte er einen hochinteressanten Fund in der Berliner Staatsbibliothek: "Die lustige Hanffibel" des Reichsnährstandes, Berlin 1942; Textbeispiel: "Wer Hanf heut baut mit fleiß'ger Hand, hilft selbst sich und dem Vaterland!"

Nicht dass man sich auf der anderen Seite der Front nicht auch praktische Gedanken gemacht hätte, die die puritanisch-unternehmerische Koalition vorübergehend aushebelten: Ebenfalls 1942 (als Hanf gerade aus dem amerikanischen Arzneibuch gestrichen wurde) brachte das US-Landwirtschaftsministerium den Propagandafilm "Hemp for Victory" heraus . . .

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Das war natürlich schnell wieder vergessen. Überhaupt wurde die Meinungsbildung in Sachen Cannabis bis in jüngste Zeiten davon geprägt, was alles zu vergessen war. Übrig blieb ein diffuses Bild von einem Rauschgift, das, wenn schon nicht selbst süchtig machend, zumindest zu härterem Zeug führt. Der Boulevard malt genüsslich an diesem Bild, aber die Illegalisierung hat im Sinne einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung das Ihre beigetragen: Tatsächlich sind Anbau und Verkauf ja zum Teil in den Händen organisierter Banden. Der Konsument gerät unversehens in die Nähe eines Handels mit wirklichen Suchtgiften.

Was kann man dagegen tun? Den Kampf gegen das Kraut - wie gegen andere Kräuter, Mohnblumen, Kokablätter, Chemielaboratorien etc. - noch entschiedener führen? Das war wenigstens die Antwort der letzten sieben oder acht amerikanischen Regierungen auf die Herausforderung des Drogenkonsums. Und damit wurde die Haltung gegenüber Cannabis auch international geprägt. Denn über die UNO dominieren die USA die Drogenpolitik weltweit.

Und im Inland gibt die Regierung in Washington jährlich mehr als 20 Milliarden Dollar für den Kampf aus (siehe auch Michael Pollan in diesem Heft, Seite 5). Der Konsum ist als Folge dieses Kreuzzugs keineswegs zurückgegangen: Geschätzte 77 Millionen Bürger haben das Kraut schon mal probiert, mehr als 20 Millionen mindestens einmal in den vergangenen zwölf Monaten. Und der Krieg dürfte kaum zu gewinnen sein. "Wollen Sie sehen", fragte der Economist, "wie Geld für die Lösung eines Problems sinnlos beim Fenster rausgeschmissen wird? Sehen Sie sich Amerikas ,Krieg gegen Drogen' an."

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Nicht zuletzt deswegen hat sich ein Netzwerk von Initiativen und Individuen gebildet, das sich vor allem in der Kritik an der Zero-Tolerance-Prohibition einig weiß, wenn auch aus unterschiedlichen Motiven. Es sind nicht nur die nahe liegenden Verdächtigen - Künstler, die sich immer schon von bewusstseinsverändernden Mitteln inspirieren ließen, Hippies, die in den akademischen Mittelbau aufstiegen und ihre Hobbys zum Forschungsgegenstand machten, Grünen-Politiker mit einem Rest an libertären Wurzeln, marktorientierte Magazine wie High Times oder Verleger mit einschlägiger Erfahrung und aufklärerischem Anspruch wie Werner Pieper (siehe den Beitrag unten). Es sind auch auf den ersten Blick unerwartete Verbündete wie der manchesterliberale Wirtschaftsprofessor Milton Friedman und republikanische Gouverneure, Ärzte und Unternehmer, Hausfrauenvereinigungen und Anwaltverbände.

NORML etwa, die nationale Organisation zur Reform der Marihuana-Gesetze, befürwortet die Entkriminalisierung als entscheidenden Schritt zum Ende einer "Prohibition, die grundlos Leben und Karriere von Hunderttausenden guten Menschen zerstört". Seit mehr als 30 Jahren assistiert die Lobbying-Stiftung, unter anderen von Playboy-Chef Hugh Hefner gesponsert, bei Gerichtsfällen und mit Aufklärungskampagnen.

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Die schillerndste Figur der Drogengesetzreform-Bewegung dürfte George Soros sein. Mit bisher weit über 30 Millionen Dollar unterstützt der aus Ungarn gebürtige milliardenschwere Financier mithilfe der Lindesmith Foundation/Drug Policy Alliance Programme für saubere Nadeln für Junkies, Methadon-Zentren und vor allem die Kampagnen zur Legalisierung von Cannabis für medizinischen Gebrauch in Kalifornien, Arizona und acht weiteren Staaten. "Ich erkannte", sagte Soros dem Magazin The Nation, "dass die amerikanische Drogenpolitik ein Beispiel für eine Politik ist, die unerwartete negative Konsequenzen hat." Wie bei der im ehemaligen Ostblock praktizierten Philosophie der Open Society sei "harm reduction", Schadensminderung oder zumindest -begrenzung, Ziel seiner finanziellen Unterstützungen.

Seine Gegner sehen das anders. Nicht nur die Websites der Aryans und Neonazis, auch die Drogenbehörde DEA vergisst nicht, darauf hinzuweisen, dass es sich bei Soros um keinen echten Amerikaner handle und dass seine "Desinformations-kampagnen" zur Verharmlosung von Cannabis beitrügen.

(In der Auseinandersetzung im Internet, wo die Drogen betreffenden Claims und Counterclaims abgesteckt werden wie im Wilden Westen, macht die DEA übrigens keine gute Figur. So kann man beispielsweise nachlesen, dass es "mehr als 10.000 wissenschaftliche Studien gibt, die beweisen, dass Marihuana eine schädliche, süchtig machende Droge ist". Wer in renommierte Zeitschriften wie The Lancet oder das NEJM auch nur flüchtig hineinschaut, weiß, dass das so nicht stimmen kann. Weiters heißt es bei der DEA, dass "Amerikaner ihre Medizin in Pillen, Lösungen, Sprays, Injektionen, Tropfen, Cremen, manchmal Zäpfchen nehmen, aber niemals in Form von Rauchen". Das ist doppelt falsch: erstens, wenn man an die ursprünglichen, die native Americans denkt; zweitens, wenn man bedenkt, dass das Inhalieren von heißen Dämpfen, eine zu Recht anerkannte Art der Behandlung, ja auch nur eine Form von Rauchen ist. Dann warnt die Behörde vor den unbekannten Wirkungen der über 400 chemischen Komponenten von Marihuana, hebt zugleich Tetra-Hydrocannabinol (THC) als sehr wohl bekannten Wirkstoff hervor und verkündet, dass es diesen bereits in pharmazeutischer Kapselform gebe. Allerdings, gibt die DEA zu, habe das Produkt Merinol geringe Wirkung und viele Nebenwirkungen - weil nämlich, wie Forscher auf anderen Websites ergänzen, die übrigen Ingredienzien von Cannabis fehlten . . .)

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Kritik an den Pro-Marihuana-Kampagne kommt aber auch von einer ganz anderen Seite: von manchen afroamerikanischen Aktivisten, die die Legalisierungsbewegung als Anliegen weißer Liberaler sehen. "Mit den Alkohol- und Tabakproblemen, die die schwarze Community schon hat", sagt Deborah Small, eine schwarze Mitarbeiterin der Lindesmith Foundation, "sieht sie die Legalisierung als eine weitere Form von Genozid an den nicht weißen Gemeinschaften", solange das Geld für den "war on drugs" nicht dafür eingesetzt werde, Jobs zu schaffen und die Leute damit vom Pushen und Gebrauch harter Drogen abzuhalten.

Für kurze Zeit schien sich die amerikanische Drogenpolitik tatsächlich zu entspannen, unter dem Nichtinhalierer Clinton und sogar unter dem Keineswegs-Kokser Bush. Seit dem 11. September gilt aber auch hier wieder ein härteres Vorgehen. DEA-Chef Asa Hutchinson kündigt neuen Widerstand gegen das "medicinal use program" in den Bundesstaaten an. Untersuchungen, die die psychische und physische Abhängigkeit von Marihuana unter Jugendlichen belegen, finden verstärkt Beachtung - auch wenn die Forscher selber sie relativieren. Das Problem der Vergesslichkeit, eine unter Rauchern gern diskutierte Nebenwirkung (so weit sie sich erinnern können), sei eher eine Frage der Dosierung, meint Rachel Wilson vom Caltech: In gewissen Mengen unterstütze THC sogar die Merkfähigkeit, erst "too much of a good thing" schwäche das Gedächtnis.

Eine der interessantesten Untersuchungen stammt im Übrigen vom Entdecker des THC, dem israelischen Neurologen Raphael Mechoulam. Er ging von der Erkenntnis aus, dass es im Körper, vor allem im Gehirn des Menschen, unzählige THC-Rezeptoren gibt, und postulierte die Existenz cannabinoidartiger körpereigener Substanzen. 1992 fanden er und sein Team sie tatsächlich und stellten ihre Rolle bei Schmerzlinderung und bei der Übertragung von Sinneseindrücken in Glücksgefühle fest.

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Hanf also doch im Glück? Die Liste der Untersuchungen pro und kontra ließe sich beliebig fortsetzen. Ob sie zu einer mehr oder weniger harten Gangart des Staats führt, bleibt letztlich eine politische Entscheidung: Will man seinen Bürgern überlassen, für welchen Lebensstil sie sich entscheiden? Welches Gesellschaftsbild vermitteln wir bei der Toleranz bzw. dem Verbot bestimmter Genuss-, Rausch- oder Suchtmittel? (Die Wortwahl stellt erste Weichen.)

In Europa jedenfalls hat sich eine liberalere Einstellung zum Drogenproblem angebahnt. Der Graben zwischen EU und USA wird auch in dieser Hinsicht breiter. Hanf wird zum Lackmustest für die gesellschaftspolitischen Vorstellungen der westlichen Staatenbünde.

Manual Andrack darf sein Haschisch behalten. Und wenn mehr als ein Viertel der Bevölkerung ein Verbot missachtet, sollte man da nicht über dessen Sinnhaftigkeit nachdenken? Oder sollten sich, frei nach Brecht, die Drogenbehörden ein anderes Volk wählen? (DER STANDARD-ALBUM, Print-Ausgabe, 9. /10. 3. 2002)

Seit 12.000 Jahren begleitet Cannabis die Menschen, als Nutzpflanze, Nahrungsmittel, Heilkraut - und Rauschdroge. Ob Letzteres schlecht ist oder nicht, darüber wird seit rund 100 Jahren besonders viel gestritten. Entkriminalisierung und Legalisierung werden zum Test für gesellschaftspolitische Vorstellungen, der Graben zwischen der EU und den USA vertieft sich. Ein Überblick von Michael Freund.

Literatur:

Matthias Bröckers: Hanfdampf und seine Kriegsgewinnler, in: Hanf Handbuch, Der grüne Zweig Nr. 173.

Thomas Hengartner und Christoph Merki (Hg.): Genussmittel. Eine Kulturgeschichte. Insel, Frankfurt/Main 1999.

Jack Herer, Mathias Bröckers: Katalyse-Institut, Die Wiederentdeckung der Nutzpflanze Hanf. 2001, Frankfurt/Main 1993. (Herer kapitelweise auch auf Englisch online verfügbar
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