"Mangelnder politischer Wille"

8. März 2002, 19:55
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Böhmdorfers Reformpläne zur Opferhilfe weiterhin unter Beschuss

Wien/Linz/Graz - Opferschutzeinrichtungen laufen weiterhin Sturm gegen die Reformpläne des Justizministers: Um ein Versickern von Fördergeldern in Vereinsbürokratien zu verhindern, sollen laut Dieter Böhmdorfer nicht mehr gut 160 einzelne Hilfsvereine subventioniert werden. Alle Hilfsmittel sollen in einen neuen Verein, eine zentrale Anlaufstelle für Verbrechensopfer fließen und nur noch über Einzelfallabrechnung ausbezahlt werden.

Projekt musste eingestellt werden

Die Linzer Interventionsstelle gegen Gewalt in der Familie müsse laut Geschäftsführerin Maria Schwarz-Schlöglmann genau deshalb bereits heute ein Projekt für psychosoziale und juristische Prozessbegleitung von Opfern einstellen: Im Vorjahr seien dafür in 41 Fällen rund 200 juristische und 350 psychosoziale Stunden angefallen. Da Böhmdorfer schon jetzt nur noch Einzelfälle abrechne, seien nur diese Stunden subventioniert worden. Weitere 300 Projektstunden für Verwaltung, Info, Abrechnung, Berichte, Auswertung würden nicht gefördert - das Projekt sei nicht mehr zu finanzieren.

Kerstin Grabner, Geschäftsführerin des Frauennotrufs Graz, kritisierte, dass Böhmdorfer den Vereinen Ineffizienz und Unübersichtlichkeit vorwerfe. Dabei seien die Vereine regional und national vernetzt, der Geldfluss unterliege klaren Vergaberichtlinien. Auch gebe es seitens der Vereine seit Jahren Vorschläge zur Vereinfachungen der Vergabepraxis und Festlegung von Qualitätsstandards, deren Umsetzung am "mangelnden politischen Willen scheitert".

Zahl der Gewaltopfer gestiegen

Der Weiße Ring machte darauf aufmerksam, dass die Zahl der betreuten Gewaltopfer 2001 drastisch gestiegen sei. Mehr als 1500 Opfer meldeten sich, in 226 Fällen (doppelt so viele wie 2000) sei neben Beratung weitere Hilfe wie Prozessbegleitung und Therapie geleistet worden. Und "in den ersten Monaten des laufenden Jahres zeichnet sich erneut eine Verdoppelung ab", so Geschäftsführerin Marianne Gammer. (fei/DER STANDARD, Printausgabe 09./10.03.2002)

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