Ich fühle mich kitschig

13. Mai 2005, 13:48
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Xaver Bayer und das Glück im Konjunktiv, ein Roman wechselnd bewölkt, strichweise heiter und...

Eine der schönsten Fragen in Julius Deutschbauers Interviews zur Bibliothek ungelesener Bücher lautet: "Wäre in deinem ungelesenen Buch ein Tisch für uns gedeckt?" Im Debütroman des jungen Wieners Xaver Bayer wäre auf jeden Fall etwas bereitet, ein Buffet mit Soundtrack, was zu rauchen, eine Platte Kastanien vielleicht. Aber die Spekulation geht so nicht auf, da Deutschbauer ja explizit über nicht gelesene Titel fabulieren lässt, und Bayers erster Roman ist ganz und gar nicht mein ungelesenes Buch: Was sind es für Bücher, die in kurzem Abstand öfters gelesen werden?

Im Fall Xaver Bayers ist es ein Roman, der besticht durch einen sagenhaften Drive der Lahmheit. Voll von Stimmungsschwankungen, ist dieses Buch wechselnd bewölkt, strichweise heiter und dennoch auf artifizielle Weise statisch. "Ich muss versehentlich auf repeat gedrückt haben," heißt es einmal. In einer Welt junger Menschen, durchgehend geschildert aus der Perspektive eines der ihren, haust unbestimmte Schwäche, Lähmung, Apathie, Melancholie, Leere als diese existenzielle Verfasstheit, die immer etwas Französisches hat.

Das ist kein Generationsspezifikum und hat auch nicht mit Pop zu tun, obwohl Musik, Filme, Drogen und Lifestyle eine kodierende Rolle spielen. Diese Lahmheit hat philosophischen Hintergrund. Von "cafard" wäre bei Cioran, dem Meister aller Unglücklichen, die Rede, und das heißt wörtlich so viel wie "Missstimmung, moralischer Kater". "Cafard" bedeutet aber auch "Denunziant, Petze", und dieser erste Ich-Erzähler Xaver Bayers ist nicht nur ein genauer Beobachter seiner Umwelt, sondern vor allem ein bemerkenswerter Denunziant seiner selbst.

Er überführt sich selbst, die Abziehbildhaftigkeit seiner Gefühle, seine Unentschiedenheit, seinen Mangel an Intensität, an Entscheidungsfreude, an Eindeutigkeit, an Perspektive, und er teilt dies unbeschönigt mit. Man hätt' den Erzähler trotz seines bewölkten Gemüts gern in der Bekanntschaft: liest gute Bücher, hört coole Musik, hat seinen Drogenkonsum im Griff und ist ein auch politisch wacher und sensibler Mensch. Der allererste Absatz enthält schon alle wesentlichen Elemente des Romans:

Ein Mann liegt, liest, eine Frau ist nah, Nikotin, Wein und Musik geben die Kulisse von außen und von innen. "Music makes the bourgeoisie and the rebel", rief uns Madonna ins Gedächtnis, und diese Ambivalenz spielt sich auch in Kopf und Leben des Erzählers ab. Die Bourgeoisie ist eine gutbürgerliche Herkunft, gegen die er sich nur in kleinen Dosen auflehnt. Er fährt zu Weihnachten in Anzug und Krawatte zu den Eltern und hat ein schlechtes Gewissen, wenn er bald aufbricht zurück in sein anderes Leben. Er ist wohlhabend, obwohl Student, hat eine eigene Wohnung, kann zurückblicken auf Silvesterabende in Paris und Casablanca, besitzt Laptop und Auto und muss nur lohnarbeiten, wenn ihm gar zu fad wird. "Rebel" sein heißt bei ihm, Bücher mitgehen zu lassen, im Wirtshaus die Zeche nicht zu zahlen, und sein Verweigern findet in geradezu Bartlebyscher Manier statt, wenn er im Flex am Klo seinem Gegenüber auf die Frage "Willst ihn sehen?" - "Eigentlich nicht" antwortet.

Die Rebellion ist zum Zitat gefroren: "Jetzt ist Revolution, sage ich. Sie blickt mich verwirrt an, ich deute auf die Digitaluhr am Videorecorder, die 18:48 zeigt, und sie lacht." Geschildert wird ein Lebensjahr in vier Kapiteln, simpler Sprache und konstantem Präsens, auf den ersten Blick ohne erkennbare Dramaturgie. Adäquate Struktur ist dennoch, dass das Buch nicht im Frühling einsetzt, sondern mit einem gebrochenen "Spätsommer/Herbst", klassische Saison der Melancholie, und dafür nicht wie der herkömmliche Jahresreigen dezemberlich endet, sondern in einem heißen Sommer. Das Glück, auch mit Frauen, findet nur im Konjunktiv statt, der Glückssatz aus dem Titel ist ein Zitat. "Ich fühle mich kitschig", bemerkt der Erzähler angesichts eines Einbruchs von Glücksgefühl, dem er sogleich Sentimentalität, Nostalgie, Weinerlichkeit unterstellt.

Xaver Bayers Erstling ist auch ein Stadtroman. Er hat neben all den urbanen Vergnügungen von kurzer Halbwertszeit und dem fast dandyhaften Müßiggang der jungen Protagonisten ein Auge für Randexistenzen. Zu Weihnachten hätten wir dem Erzähler La Mettries Über das Glück oder Das Höchste Gut geschenkt und eine Kassette aufgenommen mit Happiness is a warm gun in der Breeders-Version. Und ihm gewünscht, dass das kommende Jahr sich "irgendwie besser" anfühlt. (Der Standard, Printausgabe, Petra Nachbaur)

Xaver Bayer
Heute könnte ein glücklicher Tag sein.
€ 20,71
192 Seiten
Jung und Jung
Salzburg 2001
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