Kälte ist ansteckend

13. Mai 2005, 13:48
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Familienfest mit Abrechnung - Paula Fox über Mütter und andere Ungeheuer

Fünf Personen suchen einen Weg, sich aus dem Weg zu gehen, was nicht gelingt. Das kann Stoff für eine Komödie abgeben - oder eine Tragödie. Paula Fox lässt ihr Tableau in der Schwebe. Sie sind lächerlich und fürchterlich zugleich, diese Akteure, die sich auf einem Minenfeld der unausgesprochenen Wünsche und Hassgefühle, der Angst und der Verachtung, der Bitterkeit und der Enttäuschung bewegen. Das Ehepaar Laura und Desmond hat Verwandte zu einem Abschiedsabendessen geladen, weil es eine lange Afrikareise antreten will.

Carlo, Lauras träger, schwuler Bruder, Clara, die von ihrer unberechenbaren Mutter restlos eingeschüchterte Tochter, und Lauras alter farbloser Freund Peter möchten gern alle woanders sein. Aber die Konventionen sind stärker, also erscheinen alle pflichtschuldig zum Abschiedfeiern. Eine sechste Person ist anwesend, unsichtbar, aber sie beeinflusst diesen chaotischen, allmählich aus dem Ruder laufenden Abend entscheidend. Alma, Lauras Mutter, die Clara wie ihr eigenes Kind aufgezogen hat, weil ihre Tochter mit dem Nachwuchs nichts anfangen konnte, ist am Nachmittag einsam im Altersheim gestorben. Laura, die als Einzige davon weiß, verschweigt den anderen den Tod der Mutter.

Warum sie das tut, ist ihr selber nicht ganz klar. Sie will sich nicht mit dem Tod auseinander setzen, sie hat ein schlechtes Gewissen, weil sie sich nicht genügend um die alte Frau gekümmert hat, sie fürchtet womöglich Vorwürfe ihrer Tochter Clara, die ihrerseits beim Gedanken an Alma von Schuldgefühlen geplagt wird, weil sie sich aus einer inneren Trägheit heraus auch nicht wirklich um die Großmutter gekümmert hat.

Die Lieblosigkeit wurde über Generationen eingeübt, weitergegeben wie eine ansteckende Krankheit. Immer sind es die Kinder, die sich im Stich gelassen fühlen und ihre eigenen Kinder dann wieder kalt und emotionslos im Stich lassen. So entsteht eine Generationenkette von vereisten, nach außen hin angepassten Ungeheuern.

Laura ist eine grausame Göttin, eine furchtbare Verschlingerin, egoman und eloquent. Neben ihr ist kein Platz für die sich klein und farblos fühlende Tochter. Zwischen Smalltalk und viel Alkoholkonsum schleppt sich der Abend mühsam dahin. Manchmal fällt für Sekunden eine Maske und wird im Namen der Konvention hastig wieder zurechtgerückt.

Der Vergleich mit James Salter drängt sich auf. Aber während bei Salters elegantem, manchmal doch oberflächlich wirkendem Wortgefunkel fast nichts länger im Gedächtnis bleibt, sind die Dialoge von Paula Fox von einer geschärften, sinnlicheren, nachhaltigeren Qualität. Ihre Parallelführung von geschliffener Konversation und den Kontrapunkten der inneren zornigen, verletzten und traurigen Stimmen ist meisterlich und unglaublich spannend. Es passiert nichts und alles. (Der Standard, Printausgabe, Ingeborg Sperl)

Paula Fox
Lauras Schweigen
€ 32,90
234 Seiten
C.H.Beck
München 2002
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