Blick vom Hochspannungsmast

13. Mai 2005, 13:48
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Elektrisierend: Michael Köhlmeiers Novelle über den Verlust von Kindheit und Vertrauen

Immer dann, wenn der Vorarlberger Autor Michael Köhlmeier sich auf eine gewisse Kürze besinnt, erzählerische Possierlichkeiten und Geschwätzigkeit (Telemach) oder Fortsetzungs-Attrappen (Kalypso) vermeidet, gelingen ihm die besseren Bücher. Sein neues Werk, Der Tag, an dem Emilio Zanetti berühmt war, steht mit seinem schmalen Umfang von knapp über 100 Seiten dabei in einer Reihe mit anderen kurzen Texten, die allesamt im Wiener Deuticke Verlag erschienen sind: Dein Zimmer für mich allein (1997; ein ungefähr gleich langer Text), Der Unfisch (1997; etwas länger) und Calling (1998; mit 94 Seiten sein bislang kürzester Text).

In lakonisch aneinander gereihten Sätzen, aber mit äußerst treffenden Beobachtungen breitet Köhlmeier die Geschichte eines gewissen Emilio Zanetti aus, der im Vorarlberg der Fünfzigerjahre scheinbar grundlos einen Menschen brutal zusammenschlägt, daraufhin in Haft genommen und einem Richter vorgeführt werden soll. Auf dem Weg dahin gelingt Zanetti aber die Flucht, zunächst mit dem Fahrrad, dann zu Fuß, querfeldein. Als die Lage aussichtslos wird, klettert Zanetti auf einen Hochspannungsmast - und bleibt, föhnumtost und innerlich ungerührt, in luftiger Höhe sitzen.

Gleich zu Beginn des Buches werden die Prügel-Szene und die Flucht geschildert - womit Köhlmeier die Erwartungen, die an die klassische Novellenform gerichtet werden, zu befriedigen scheint: Gegenstand des Erzählens sollte, so Goethe einst, "eine sich ereignete, unerhörte Begebenheit" sein, die einen gewissen Anspruch auf Wahrheit erhebt und von etwas Außergewöhnlichem erzählt. Doch diese unerhörte Begebenheit bleibt zunächst unaufgeklärt. Der Leser erfährt weder, was den bis dahin unauffällig lebenden Zanetti zu diesem Gewaltausbruch veranlasst, noch, was das Opfer ihm angetan haben könnte.

Das hat seinen Grund, weil Köhlmeier den Leser raffiniert in die Irre führt. Denn die eigentliche unerhörte Begebenheit ist im Gleichmaß der Sätze, die Zanettis eintöniges Leben widerspiegeln, so raffiniert versteckt, dass man Gefahr läuft, sie zu überlesen: Die Katastrophe, die durchaus mehrmals angedeutet wird, ist Zanettis fast völliger Vertrauensverlust in die Menschen - der in dem Moment eintritt, als er unerwartet in eine Situation kommt, in der er für seine Stiefmutter lügen muss. Ab diesem Moment ist ihm alles egal: sowohl die kleine Werkstatt, mit der er seinen Lebensunterhalt verdient, als auch seine Umwelt, den Vater eingeschlossen, die in ihm ohnehin überwiegend einen weltfremden Spinner sieht.

Nur einer ist ihm zu diesem Zeitpunkt nicht egal: der kleine Zill, ein zehnjähriger Junge, der den ganzen Sommer über in der Werkstatt aushilft, der sich in der Gegenwart des verschrobenen und meist schweigenden Zanetti wohl fühlt und als Belohnung für seine Handlangerdienste am Ende des Sommers ein heiß ersehntes Fahrrad bekommen soll. Der Junge ist es auch, der die Geschichte erzählt - eine Perspektive, die Vorteile birgt: Gefühle wirken (noch) echt, Beobachtungen dürfen naiv, subjektiv und voreingenommen sein - wie die Schilderungen der schaulustigen und sensationsgierigen Menge, die sich mit der Zeit um den Hochspannungsmast versammelt, und die stundenlangen Verhandlungen mit der Polizei.

Zill aber zerstört Emilio Zanettis letzten Rest an Vertrauen: Er war und ist der einzige Mensch, den Emilio an sich heran und nun auch zu sich auf den Mast steigen lässt, für den er sein Schweigen bricht und ein Gespräch versucht. Als ihm Zill gesteht, dass er an diesem Tag Geld aus der Kasse der Werkstatt gestohlen hat, brechen für Zanetti alle Lebensdämme: Erstmals in seinem Leben geht er aus sich heraus, brüllt und beschimpft den Jungen als "blödes, kleines, verrücktes Arschloch". Nur wenige Stunden später klettert er vom Mast und lässt sich widerstandslos festnehmen.

Wenn Unschuld und Vertrauen schon bei Kindern verloren sind, welchen Wert mag das Leben dann überhaupt noch haben? Solche oder ähnliche Gedankengänge darf man Zanetti bei seinen Handlungen unterstellen. Und wohl auch Michael Köhlmeier, der diese Geschichte in seiner Heimat und eigenen Kindheit angesiedelt hat - was viel zur glaubwürdigen Atmosphäre des Werkes beiträgt. Die Fragen allerdings, die sich für den Leser aufwerfen, sind zeitlos gültig - eingebettet in einen so intensiven, stimmigen und bedrängenden Text, wie ihn Köhlmeier schon lange nicht mehr vorgelegt hat. Wie nebenbei hat er zudem den Nachweis erbracht, dass die Novelle als literarische Form noch lange nicht ausgedient hat. (Der Standard, Printausgabe, Günter Fischer)

Michael Köhlmeier
Der Tag, an dem Emilio Zanetti berühmt war
€13,30
120 Seiten
Deuticke, Wien 2002.
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