Geschichte(n) einer Liebe

13. Mai 2005, 13:48
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Ana Bilics gelungenes Debüt, eine Sprachliebesgeschichte durch und durch

Ana Bilic, so erfahren wir im Klappentext, wurde 1962 in Zagreb geboren, ist Juristin und lebt als Übersetzerin und Autorin in Wien. Sie hat 1999 zwei Bücher auf Kroatisch veröffentlicht und legt nun mit der "Liebesgeschichte" Das kleine Stück vom großen Himmel ihr erstes Buch auf Deutsch vor.

Das Deutsch der Ana Bilic ist allerdings kein herkömmliches Schriftdeutsch, sondern so etwas wie ein slawisch-gebrochenes Deutsch, das seine "Wurzeln in der Fremde nicht verleugnet". In Grammatik und Semantik weicht die Autorin wiederholt merklich von der gegenwärtig üblichen deutschen Schriftsprache ab. Darin liegt zweifellos ein Reiz. Die Holprigkeit des Satzrhythmus wirkt lebendig, steht der gesprochenen Umgangssprache näher als der Mannheimer Schriftvariante. Außerdem hat die manchmal unbeholfene Einfachheit und Fehlerhaftigkeit der Sprache etwas Kindlich-Naives, etwas Zerbrechliches, das dem Thema des Buches sehr angemessen ist, denn nur in einer solchen fragilen Kindersprache scheint eine Liebesgeschichte, wie sie Bilic erzählt, überhaupt noch erzählbar.

Eine junge Kroatin kommt nach Wien, um Deutsch zu lernen, und verliebt sich in ihren Lehrer, einen Jusstudenten namens Ernst. Man kennt das. Der Unterschied zu allen bisherigen Lehrer-Schülerin-Liebesgeschichten der Weltliteratur kann deshalb nur im Wie liegen.

Das Besondere an Bilics Liebesgeschichte ist, dass sie die Geschichte einer Liebe ist, die vor allem aus Geschichten besteht: eine Sprachliebesgeschichte durch und durch. Das Buch führt damit in exemplarischer Weise vor, wie das, was wir Liebesbeziehung nennen, vor allem eine Frage der (gelungenen) Kommunikation ist und wie der Abbruch oder das Misslingen des Gesprächs auch das Ende der Beziehung - wenn auch nicht unbedingt der Liebe - bedeutet.

Die parabelhaften Erzählungen in der Erzählung sind nicht nur Teil der Liebesgeschichte der Protagonisten, sondern sie bilden zugleich auch eine Textebene für sich, die in lehrhafter Weise von der Liebe und anderen Grundgefühlen unserer Existenz handelt. Die Form erinnert an die alte Erzähltechnik des Novellenzyklus, die hier in wirkungsvoller Weise zum Einsatz kommt. Natürlich ist das postmodern. Aber wenn jemand Geschichten erzählen kann, die Lebenswert haben - und das gilt für viele Geschichten dieses Buches -, so ist das doch allemal legitim. (Der Standard, Printausgabe, Nicole Katja Streitler)

Ana Bilic
Das kleine Stück vom großen Himmel.
Eine Liebesgeschichte.
€ 17,40
176 Seiten
Hoffmann und Campe, Hamburg 2002.
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