Kanalnotruf

8. März 2002, 22:03
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"Was macht man freitags um 17 Uhr, wenn einem der Autoschlüssel in den Gully fällt?", fragt Leserin Sonja. - Blöd schauen, hätten wir getippt. Aber sie weiß es besser.

Ihr Fahrzeug in Griffweite, der Kanaldeckel unter den Füßen. Sie denkt noch an die One-Werbung und hält ihr Handy besonders fest. Aber oft ist Denken unklug. Und oft hält man etwas fest und lässt dabei etwas anderes locker. In dem Fall - den Schlüssel. Schon passiert.

Wie wird jemand angeschaut, der sich über ein Kanalgitter beugt? - Blöd, bestätigt uns Sonja. Deshalb besann sie sich ihres Handys, welches eine Verbindung in die Tiefe des Wiener Rathauses herstellen konnte. Wer hebt am Freitag um 17.15 Uhr bei einer "MA weiß ich nicht, aber mein Schlüssel . . ." ab? Niemand, hätten wir getippt. Falsch. - "Eine kompetent klingende männliche Stimme", sagt Sonja. Und was spricht sie? "Leider . . .", hätten wir getippt. Falsch. - "Wir kommen!" Am Montag? Falsch. - "Sofort."

"Zwei super Burschen", schwärmt Sonja: "Wir hatten viel Spaß." (Details verrät sie nicht.) Vor allem: Sie hatte den Schlüssel. Und das am Freitag, um 17.45 Uhr, für ein paar Dutzend Euro! Unterhalb der Kanaldeckel lauern die entbürokratisierten Sensationen.

(DER STANDARD, Printausgabe vom 8.3.2002)

Von
DANIEL GLATTAUER
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