Lebensgefährliche Schlankmacher

8. März 2002, 19:42
4 Postings

Italien: Pillen nach drei Todesfällen vom Markt genommen

Rom/Wien - Nach drei verdächtigen Todesfällen nahm das italienische Gesundheitsministerium drei Schlankheitsmittel vom Markt. Es handelt sich um die Produkte Reductil (auch in Österreich erhältlich) des Pharmakonzerns Abbott-Knoll und um die Schlankeitskapseln Reduxade (Glaxo) und Ectiva (Bracco). Die Präparate enthalten Sibutramin, einen Wirkstoff gegen Fettleibigkeit.

"Vorsichtsmaßnahme"

Gesundheitsminister Girolamo Sirchia sprach von einer "Vorsichtsmaßnahme", denn auch bei rund 50 anderen PatientInnen seien Herzrhythmusstörungen, Probleme im Magen-Darm-Trakt und geistige Verwirrung nach der Einnahme festgestellt worden.

Grundsätzlich kritisierte der Gesundheitsminister die "Mode des Abnehmens um jeden Preis, die von Geschäftemachern aller Art ausgenutzt" werde. Mehrere Tausend Menschen nutzten eine vom Ministerium eingerichtete telefonische Beratungsstelle.

Der Direktor des Krankenhauses von Mantua, Raffallo Stradone, bestätigte den Tod einer 28-jährigen Frau nach Einnahme von Sibutramin. Auch der Tod von zwei weiteren Frauen (28 beziehungsweise 45 Jahre alt) wird mit dem Wirkstoff in Zusammenhang gebracht.

"Keine Beweise"

Der medizinische Leiter in der Italienabteilung des Pharmakonzerns Abbott-Knoll, Umberto Paparatti, sagte, es gebe keinen glaubhaften Beweis für die Anschuldigungen. Auch der Pharma-Experte Michele Carruba von der Universität Mailand äußerte sich vorsichtig. Die beanstandeten Kapseln seien weltweit von rund acht Millionen Menschen eingenommen worden.

Massimo Chiariello, Präsident der Gesellschaft für Kardiologe, erklärte, Schlankmacher wie Sibutramin dürften "nur in Extremfällen und unter ärztlicher Aufsicht" eingenommen werden. Die Staatsanwaltschaft in Turin eröffnete ein Ermittlungsverfahren, denn angeblich waren die Mittel in Italien seit April 2001 in Apotheken rezeptfrei erhältlich und wurden rund 350.000 Mal verkauft.

Österreich

In Österreich wird nur eines der verdächtigten Präparate, eben Reductil von Abbott-Knoll, abgegeben; laut Eva Hofbauer vom Gesundheitsministerium in Wien nur auf Rezept und auch dabei nicht als Dauerverschreibung. Aus Österreich seien bisher keine auffälligen Nebenwirkungen gemeldet worden, sagte die Fachbeamtin. (DER STANDARD, Printausgabe 09./10.03.2002)

von Gerhard Mumelter aus Rom
Share if you care.