Kirch verkauft Sender, Anteile und Rechte

8. März 2002, 19:04
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Lokalsendern droht das Aus - Pro Sieben/Sat.1 sind tabu

Mit einem Sanierungskonzept will das schwer verschuldete Medienunternehmen von Leo Kirch den Befreiungsschlag versuchen. Montag präsentiert die Kirch-Gruppe laut Süddeutscher Zeitung den acht großen Gläubigerbanken einen umfassenden Vorschlag, der tiefe Einschnitte vorsieht.

Den Stadtsendern in tv.münchen, Hamburg 1 und tv.berlin droht Einstellung, findet sich nicht rasch ein Käufer. Zu rechnen ist damit nicht: Die Lokalstationen arbeiten seit Jahren defizitär, Einzelne wechselten schon mehrfach den Besitzer.

Auch für das Deutsche Sportfernsehen (DSF) wird ein Abnehmer gesucht. Die Beteiligungen der Kirch-Familie am Einkaufssender Hot stehen ebenfalls zur Disposition.

Schon seit längerem ist bekannt, dass Kirch Hollywood-Filmstudios einen Einstieg beim Abokanal Premiere anbietet. Dem Vernehmen nach zeigte sich aber bisher niemand an einer Beteiligung an dem sehr defizitär arbeitenden Sender interessiert. Verhandlungen über den Verkauf der Formel-1-Rechte und der Beteiligung Kirchs in Höhe von 40 Prozent am Springer-Verlag laufen bereits. Es gibt auch Gespräche über den Verkauf des Kirch-Anteils am spanischen Sender Telecinco.

Aus München gab es am Freitag zum kolportierten Sanierungskonzept keinen Kommentar - nur: "Eine Veräußerung von ProSiebenSat.1 steht nicht zur Diskussion. Sie kann von niemandem ernsthaft verfolgt werden, der das Kerngeschäft von KirchMedia kennt und dieses erhalten will", sagte ein Kirch-Sprecher. Kolportiert wurde, die US-Konzerne Disney, Viacom und AOL/Time-Warner interessierten sich für die Senderfamilie rund um Pro Sieben und Sat.1. AOL-Time-Warner-Chef Steve Case dementierte am Freitag bereits Einstiegsabsichten.

Mit dieser Aussage machte der Kirch-Sprecher aber gleichzeitig klar, dass sich das Unternehmen künftig auf seine Kernbereiche - neben der TV-Familie auch den Rechtehandel - konzentrieren will. Allerdings verlautete aus München eine Einschränkung: Auf der Verkaufsliste könne auch der verlustreiche Nachrichtensender N24 aus der TV-Familie stehen.

Trennen will sich Kirch laut Medienberichten auch vom profitablen Sendezentrum München mit 1200 Beschäftigten, das den Sendebetrieb für die Pro Sieben/Sat.1-Familie abwickelt. Es sollen auch zahlreiche der insgesamt 10.000 Stellen im Konzern gestrichen werden.

Mit diesem Sanierungskonzept will Kirch die Banken überzeugen, auslaufende Kredite zu verlängern. Bereits diese Woche wäre ein Kredit der DZ Bank in Höhe von 409 Millionen Euro fällig gewesen. Die Schulden des Kirch-Konzerns belaufen sich nach eigenen Angaben auf 6,2 Milliarden Euro, werden von Branchenkennern aber auf mindestens 7,2 Milliarden Euro geschätzt. Von den Verkäufen erwartet sich das Unternehmen Erlöse von mehreren Hundert Millionen Euro. So soll die Zahlungsfähigkeit des Konzerns gewahrt bleiben. (DER STANDARD; Print-Ausgabe, 9./10. März 2002)

STANDARD-Korrespondentin Alexandra Föderl-Schmid
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