Erkennen Sie die Melodie!

8. März 2002, 19:25
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13 Takte Beethoven mit Mikhail Pletnev

Stefan Ender

Wien - Das Thema des Kopfsatzes ist eines der irrsten überhaupt, ist eigentlich auch gar nicht mehr mit dem engen Begriff des Themas zu erfassen, sondern eher als ein hochfrequentes Pochen, ein Pulsen, ein Herzrasen zu beschreiben. Ewig hält es Beethoven wie unter zehn Daunendecken im Pianissimo, nimmt die dann irgendwann endlich weg, die rechte Hand sirrt wie tausend Alarmanlagen in hoher Lage im Tritonusabstand herum. Dann, innerhalb nur eines Taktes, die Vollbremsung von hundert auf null, Daunendecken wieder drüber, völliger Stillstand, unglaublich: Die ersten 13 Takte der Waldstein-Sonate sind vorbei; man denkt sich: So was gibt's doch gar nicht.

Mikhail Pletnev spielte im Wiener Konzerthaus die ersten 13 Takte der Sonate so: Die allererste Note - Beethoven hat sie mit einer Pianissimo-Anweisung versehen - kriegte erst einmal einen ordentlichen Tuscher ab, dann ging's im Gestus einer hyperaktiven Stechuhr los, sehr leise, Gott sei Dank, wunderbar. Im vierten Takt wieder so ein pieksender Aufschrei (Beethoven: pianissimo), im achten detto. Das nachfolgende Crescendo hatte Zug und Saft, im zwölften Takt - die Vollbremsung, wir erinnern uns - hat Beethoven ein Decrescendo, also ein stetiges Leiserwerden, angeordnet. Pletnev zog sein Fortissimo den ganzen Takt knallhart durch, das Im-Auge-des-Hurrikans-G einen Takt später brachte er dann selbstredend wie gefordert sehr leise.

Was die ganze Detailfuchserei soll? Nun: Die ersten 13 Takte von Beethovens Waldstein-Sonate reichen völlig aus, um die Vorzüge und Nachteile des Pletnevschen Klavierspiels darzulegen. Die Akkordrepetitionen gelangen dem Russen brillant, Pletnevs Technik ist von einer schonungslosen, man möchte sagen beängstigenden Präzision.

Das ist es dann aber auch schon. Das Klavierspiel des 1957 Geborenen ist von einer unangenehmen emotionalen Asepsis geprägt; permanent knallt er wild irgendwelche Fantasieakzente heraus oder meißelt Melodiestimmen oder Motivpartikel exklamatorisch aus der Kompositionssubstanz, bis auch die letzte Galeriereihe deren Wichtigkeit erkannt haben soll.

Nie war mehr Kalkül, Blasiertheit, Effekthascherei.

(DER STANDARD, Print, Sa./So., 9.03.2002)
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