Die Wüste des Realen in Bildern erkennen

9. März 2002, 10:33
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Am Sonntag: VT-Matinee mit Slavoj Zizek

Richard Reichensperger

Wien - Wenn der slowenische Philosoph Slavoj Zizek in eine seiner vielen Vortragsstädte kommt, bringt er provokante Thesen mit. Wenn er am Sonntag um 11.00 Uhr im Volkstheater die Matineen-Reihe "Globalisierung und Gewalt. Perspektiven nach dem 11. September" eröffnet, ist eine Denk-Performance zu erwarten (Moderation: Claus Philipp, STANDARD).

Lässt sich zum Thema des "WTC" denn noch etwas denken, ist nicht alles schon, meist ungedacht, gesagt worden? Slavoj Zizek hat seit dem September ausführliche Studien ausgearbeitet. Und in diesen klingt vieles anders. Sicher, meint er, ist die viel zitierte Assoziation des Angriffs auf das WTC zu den US-Katastrophenfilmen berechtigt.

Aber Zizek weigert sich, auf der postmodernen Schiene der "Übermacht der virtuellen Realität" weiterzufahren. Vielmehr seien der Anschlag und Einsturz das "reale Reale" gewesen; die Welt, in der Menschen der Ersten Welt leben, aber die eigentlich virtuelle (wie in Peter Weirs Film The Truman Show, 1998): der elfte September also nicht als Fest des real gewordenen Virtuellen, sondern als das reale Ende der Verdrängung.

Zizek dreht die Fernsehbilder und alle Diskurse, die ihnen folgten, ins Politische, aber in eine andere, eine nicht vollzogene Politik: Nicht auf das Apokalypse-Szenario eines Endkampfes gegen "das Böse" zielen seine Überlegungen, sondern darauf, die verweigerten und verdrängten Realitäten endlich auch zu bemerken, durch die WTC-Katastrophe hindurch:

Bewusst wurde, so Zizek in seiner Skizze, dass die Erste Welt auf einer Insel der Künstlichkeit lebt, getrennt von der Wüste des Realen in der Dritten Welt: "Die sichere Sphäre, in der sie leben, begreifen die Amerikaner als eine Welt, die von äußeren terroristischen Angreifern bedroht wird. Von Angreifern, die sich rücksichtslos selbst opfern: feige, von verschlagener Intelligenz und primitiv wie Barbaren. Jedes Mal, wenn wir uns solch einem rein bösen Äußeren gegenübersehen, sollten wir den Mut aufbringen und in diesem reinen Äußeren die destillierte Version unseres eigenen Wesens erkennen. Während der vergangenen fünf Jahrhunderte wurden der (relative) Wohlstand und die Freiheit des ,zivilisierten' Westens durch den Export rücksichtsloser Gewalt und Zerstörung in das ,barbarische' Äußere erkauft."

In der Realpolitik herrscht aber auch nach dem 11. September das Virtuelle: Seit dem Oktober trafen sich Berater des "Weißen Hauses" mit Drehbuchautoren von Hollywood-Katastrophenfilmen und fragten sie nach weiteren Szenarios, die "in Wirklichkeit" drohen könnten. - Zizek wird eine harte Therapiestunde anbieten. Als weitere Gäste von "Globalisierung und Gewalt" sind Jean Baudrillard (17. 3.) und Alexander Kluge (7. 4.) angekündigt.

(DER STANDARD, Print, Sa./So., 9.03.2002)
Matineen im Volkstheater

Globalisierung und Gewalt
Perspektiven nach dem 11. September

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