Die Wiederkehr der Eidgenossen

15. März 2002, 14:24
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Die Schweizer Herren verlieren zwar Dieter Bartsch als Trainer, haben aber an Bedeutung gewonnen. Didier Cuche ist zur Nummer eins gereift

Österreichische Skifans werden immer wieder unterschätzt. Sie können nicht nur trinken und jubeln, sondern sich auch Ergebnislisten ansehen. Ein Fan zumindest hat kürzlich in Zauchensee eine Liste studiert und nach dem Studium "Na bumm" gesagt. "Die Schweizer sind ja plötzlich wieder da - jetzt, wo's bald vorbei ist."

Der Mann hat teilweise Recht, tatsächlich mischen die Eidgenossen auf den Skipisten wieder mit. So plötzlich ist der Aufschwung freilich nicht passiert, wie es nach dem Super-G den Anschein hatte, in dem neben Sieger Didier Cuche drei weitere Swiss-Team-Fahrer in die Top zehn gekommen waren. Cuche ist längst zum ersten Konkurrenten Stephan Eberharters geworden, er stünde noch besser da, hätte er nicht um insgesamt eine knappe Zehntelsekunde drei Siege verpasst.

Der 27-Jährige aus Saint-Imier (Jura), der lange Zeit als guter Abfahrer galt, hat sich technisch verbessert und konstante Leistungen gebracht. "Nur bei den Heimrennen, also in St. Moritz und Wengen, und bei Olympia hat nichts funktioniert", sagt Cuche. Freilich hat's zu bösen Kommentaren in vielen Schweizer Medien gereicht, das Verhältnis ist eher gestört. "Die Presse bei uns lebt in Gedanken immer noch in der Zeit von Zurbriggen und Heinzer. Oft fragen unsere Journalisten, ob wir einen Österreich-Komplex haben, dann würde ich die Frage am liebsten zurück stellen. Nach einem Sieg bin ich der Größte, eine Woche später bin ich der Trottel."

Dieter Bartsch sagt, er hinterlasse ein starkes Team mit Sieganwärtern. "Die Konkurrenz muss wieder zittern, wenn ein Schweizer am Start steht." Mit Österreich freilich will und kann man sich nicht vergleichen, da spielt mit, dass Skifahren in der Schweiz eine viel geringere Rolle spielt. Andere Sportarten (Eishockey, Rad) haben größere Bedeutung als hierzulande. Cuche: "In der Schweiz will man zwar auch Skifahrer haben, die gewinnen. Aber man ist nicht bereit, die nötige Infrastruktur zu schaffen. Eltern von Talenten müssen immens investieren, da bleiben viele auf der Strecke."

Österreichs Dominanz wird nicht von heute auf morgen vergehen, die Schweiz nicht von heute auf morgen alles gewinnen. "Aber alles wird sich wieder verschieben", ist Cuche überzeugt. Zugegeben - in Salt Lake City hat er Eberharter um die Silberne im Super-G beneidet, er hatte den Sieg an derselben Stelle vergeben mit dem Unterschied, dass er aus dem Rennen schied. Zugegeben - er beneidet Österreich um dessen Skipublikum. "Ich fühl' mich hier fast wohler als bei meinen Heimrennen. Wenn ich dort einen Fehler mache, kann ich mir nachher Scheißsprüche anhören. Aber ihr habt tolle Zuseher, das ganze Land steht hinter dem Skisport." Womit es sich puncto Beneiden aber auch schon wieder hat. "Weil meine Zeit erst kommen wird", sagt Didier Cuche.

(DER STANDARD, PRINTAUSGABE 9./10. 3. 2002)
Von Fritz Neumann aus Flachau

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