Scharfmacher im Schafspelz

8. März 2002, 19:34
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Le Pen legt den Wahlkampf gemäßigt an - und hat damit Erfolg

Vorbei sind die Zeiten, als Jean-Marie Le Pen gegen Araber geiferte, Judenwitze riss und mit puterroter Miene auf Gegner (Frauen inklusive) einschlug. Der bullige Bretone ist in seinem 74. Lebensjahr zu einem Lamm mutiert - wenn man seinem neuen Gehabe glaubt. Der Präsident des Front National (FN) meinte diese Woche in einem Fernsehinterview, er stehe politisch "Mitte rechts". Zuvor hatte er gewisse antisemitische Ausrutscher bedauert und in Südfrankreich mit muslimischen "Harkis" (algerischen Kriegsveteranen, die auf französischer Seite gekämpft hatten) Wasserpfeife geraucht.

Das alles ist natürlich pure Fassade. Inhaltlich macht der Scharfmacher der Nation immer noch die illegalen und anderen Immigranten für alle Übel verantwortlich - anhaltende Arbeitslosigkeit, die zunehmende Kriminalität und sogar soziale Ungerechtigkeit.

Es ist die alte Leier in neuer Verpackung. Und damit hat der alte Fuchs Erfolg: In Meinungsumfragen liegt er hartnäckig über zehn Stimmenprozent. Sogar die beiden Kronfavoriten Jacques Chirac und Lionel Jospin kommen nur auf gut das Doppelte, und Jean-Pierre Chevènement kämpft mit dem FN-Chef um den dritten Umfragen-Rang. Der andere Rechtsextremist, Bruno Mégret, kommt derweil lediglich auf knapp zwei Prozent. Die Krise, in die der FN-Dissident seine alte Partei durch seinen Austritt gestürzt hatte, ist ausgestanden: Der wahre Patron der französischen "Frontisten" ist und bleibt Le Pen. Die gesellschaftspolitischen Probleme, die dem FN in den Achtziger-und Neunziger-jahren als Nährboden dienten, sind auch nicht wie von Zauberhand verschwunden.

Le Pens gemäßigtes Auftreten bereitet der bürgerlichen Rechten zunehmend Sorgen. Wie sehr, belegte Le Pen selber, als er in der TV-Tagesschau einen Brief hochhielt, den die Bürgermeister mehrerer Departemente von der gaullistischen RPR erhalten haben. Chiracs Partei droht ihnen unverhohlen mit Repressalien, falls sie ihre Unterschrift Le Pen geben. Präsidentschaftskandidaten müssen 500 Unterschriften gewählter Lokalpolitiker vorweisen können.

Chirac sucht Le Pen damit auszutricksen. Le Pen weiß durchaus zu kontern. Der FN-Chef greift ohnehin am liebsten den amtierenden Staatschef an. Er muss sich bemühen, die beiden Hauptkandidaten "Chispin" und "Josrac" in den gleichen Topf zu werfen. Bei jeder Gelegenheit erzählt er, wie sich Chirac mit ihm vor den Wahlen 1988 heimlich getroffen habe, um seine Wahlunterstützung gegen Fran¸çois Mitterrand zu erheischen. Der Präsident bestreitet das kompromittierende Treffen. Altgaullist Charles Pasqua bestätigte es aber kürzlich in aller Form.

(DER STANDARD, Printausgabe, 9.3.2002)
STANDARD-Korrespondent Stefan Brändle aus Paris
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    Jean-Marie Le Pen

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