Der Untergang der Demokratie

8. März 2002, 18:05
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Elfriede Jelinek kämpft gegen die Pressekonzentration der WAZ-Gruppe - "Kolonisation" der Kolonisierten

Einer der besten Angriffe auf die "in der gesamten westlichen Welt einmalige Pressekonzentration" in Österreich findet sich seit einigen Tagen auf der Homepage Elfriede Jelineks.

"Dem Fass die Krone aufsetzen"

Ihr Text "Dem Fass die Krone aufsetzen" wird in der Süddeutschen Zeitung abgedruckt.

Hier die Kernthesen:

Der massive Einfluss der deutschen WAZ-Gruppe am österreichischen Zeitungsmarkt, vor allem ihre Rolle als Hälfteeigentümerin der Kronen Zeitung, ist für Jelinek eine "Kolonisation" der ohnehin schon, nämlich durch die Krone, Kolonisierten. Es gehe dabei nicht nur um die ökonomische Verdrängung der Meinungsvielfalt durch Monopolisten, sondern um eine Überlebensfrage der Demokratie.

Dies belegt Jelinek, indem sie die Kronen Zeitung in das Feld von Masse, Massenblatt und Macht stellt: "Masse" sei, nach Hannah Ahrendt, nicht nur an der großen Zahl zu messen, sondern auch an deren großer Gleichgültigkeit für öffentliche Angelegenheiten.

Diese Gleichgültigkeit wird, so Jelinek, von der Krone zugleich produziert wie benützt: "Die Massen lesen die Kronen Zeitung, das heißt, sie hören sich selber beim Denken zu, ohne zu ahnen, dass man ihnen nur gibt, was sie immer schon gedacht haben."

Weil das Bewusstsein für den Wert politischer Organisationsformen in Österreich verloren gegangen sei, könne die Kronen Zeitung eine erfolgreiche Organisationsform für die zuerst willenlos gemachten Menschen anbieten: sich selbst, das Krönungsblatt.

"Dunkelmänner"

"Da sind Dunkelmänner, die ihnen die Lese-Früchte in die Hand gegeben haben, damit sie immer grad hoch genug für sie hängen. Eine Agentur des gesunden Volksempfindens sagt es ihnen mit klingendem Fröhlichkeitsspiel, mit Geistlichen, die ihren Mief verbreiten, mit Titten, die einem ihre Gesundheit wie Milch ins Gesicht spritzen."

"Die Kronen Zeitung sagt, Politik verdirbt die Menschen ..."

Auf diese Weise werde Politik ausgetrieben und dann - wie beim Temelín-Volksbegehren - umso effektiver selbst gemacht: "Die Kronen Zeitung sagt, Politik verdirbt die Menschen, sie brauchen sich jetzt aber gar nicht mehr um diese Politik zu kümmern, das übernimmt diese liebe gute Zeitung ja für sie, sie nimmt ihnen das Politische ab." Gerade die Uninteressierten, die Mehrheit also, werde hier zu einer Horde, einer Meute, einer Hetzmeute von Uninteressierten. Und die Zeitung zur "Einheitspartei für alle und alles".

Düster, aber auch kämpferisch sich auflehnend, schließt Elfriede Jelinek daraus: "Das ist das Ende der Demokratie, indem es das Ende der Verpflichtung der Bürger ist, ihre Interessen wahrzunehmen (oder an ihre Vertretungen zu delegieren), es ist der Beginn der Herrschaft der indifferenten Masse. Diese Masse kann jetzt hierhin und dorthin geschoben werden, ganz wie es dem Spieler am grünen Tisch, dem Herausgeber gefällt. Er hat ein kompaktes Menschenpaket geformt." (Richard Reichensperger/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9./10.3.2002)

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