Ein Wust von Plänen für die Zeit danach

8. März 2002, 17:37
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Langsam erholt sich das Kulturleben in New York

New York - Bis Anfang des Jahres war der Anblick von Ground Zero aus nächster Nähe auf nach strengen Kriterien auserwählte Besucher beschränkt - seit dem 7. Jänner kann nun jedermann (vorausgesetzt, man besorgt sich kostenlose Karten) die Ruinen des WTC betrachten. Eine einfache hölzerne Plattform bietet einen Überblick auf eine Stätte des Grauens: Das Grabmal von Tausenden Personen, die bei der Terrorattacke auf die Twin Towers des WTC am 11. September ums Leben kamen.

Die Zeitrechnung der New Yorker hat sich drastisch geändert: Das Leben teilt sich in die Zeit vor und nach "9/11" ein. Und sechs Monate nach 9/11 wird auf Ground Zero noch immer geschaufelt, geräumt und abgetragen. Und gleichzeitig spekuliert, wie die Zukunft aussehen soll.

Zunächst ist eine Zwischenlösung geplant: Zwei hohe Lichttürme sollen als "Tribute in Light" vom 11. März bis zum 13. April vom nahe gelegenen Battery Park in den Himmel ragen. Die zwei parallelen Lichtbalken werden von 88 starken Suchscheinwerfern gespeist und sollen täglich von Sonnenuntergang bis 23 Uhr bei guter Sicht in Betrieb sein. Über langfristige Pläne für den Wiederaufbau, von denen es einen ganzen Wust gibt, ist man sich jedoch noch nicht einig: Da gäbe es etwa die New York City Opera, die schon seit Jahrzehnten im Lincoln Center unter der Vorherrschaft der benachbarten Metropolitan Opera leidet und eine Übersiedlung nach Ground Zero überlegt.

In die Überlegungen dürfte auch der gesteigerte Tourismus in New Yorks Downtown eine Rolle spielen. Bisher allerdings hat sich nur ein edler Spender gefunden, der - ganz und gar unzureichende - 50 Millionen Dollar investieren würde. Und Bürgermeister Michael Bloomberg winkt ab, was Zuschüsse betrifft. Er habe kein Geld; es sei schwierig genug, die von Präsident George W. Bush versprochenen 21,4 Milliarden Dollar für die Stadt zu erhalten.

Sollte sich der noch unausgegorene Plan eines Kulturzentrums anstelle der Twin Towers realisieren, wollen eventuell auch das Guggenheim Museum und die Balletttruppe Joyce Theater mitmachen. Sechs Monate danach hat sich auch das Kulturleben in New York wieder erholt - so sehr, dass man für die jährlichen Konzerte der Wiener Philharmoniker Anfang März wie früher keine Karten erhält.

Theater-Aufschwung

Die Produzenten der schon vor der Premiere ausverkauften Wiederaufführung von Arthur Millers "Hexenjagd" mit Laura Linney und Liam Neeson bieten nicht nur eine limitierte Anzahl von Karten um 200 Dollar pro Person an, sondern kriegen sie auch an den Mann. Auch Off-Broadway- Theater sehen einen Aufschwung. Und auch 9/11 spielt im New Yorker Kunstleben eine Rolle: Seit Dezember läuft etwa in einem winzigen Off-Broadway-Theater (The Flea Theatre) ein von Anne Nelson, einer Professorin der Columbia University, innerhalb einer Woche geschriebenes Stück, "The Guys", in dem eine Journalistin einem Feuerwehrmann dabei hilft, Grabreden für seine im WTC umgekommenen Kollegen zu verfassen. Stars wie Sigourney Weaver, Bill Murray und Susan Sarandon wechseln einander in dem Zweipersonenstück ab. Und der Komponist Steve Reich, der in der Nähe des WTC wohnt, arbeitet an einem großen Chorwerk namens "9-1-1" (damit ist das Datum der Terrorattacke und die New Yorker Rettungsrufnummer 911 gemeint).

Unter den unzähligen Ausstellungen, die der Geschichte und der Tragödie des World Trade Centers gewidmet sind, sind die erschütterndsten noch immer jene der Schnappschüsse der Opfer, die von Angehörigen nach dem Attentat auf hastig zusammengestellten Stellwänden befestigt wurden. Sie sind etwa im Bahnhof Grand Central immer noch zu sehen.
(DER STANDARD, Printausgabe, 9.3.2002)

Das Leben muss weitergehen, auch und vor allem das Kulturleben, für das die Metropole New York schon immer berühmt war. Langsam hat es sich wieder erholt - und viele Künstler versuchen, den Schock von "9/11" auf ihre je eigene Art zu bewältigen.

Standard-Korrespondentin Susi Schneider
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