Fernsehreport aus dem Inneren des World Trade Center

8. März 2002, 19:03
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Der amerikanische TV-Sender CBS zeigt neues Filmmaterial - Ab Montag erinnern in New York zwei Lichttürme an die Anschläge

New York - Die Feuerwehrmänner stürmen zu den Fenstern, um nach draußen zu schauen. Gebäudetrümmer - oder sind es Menschen? - fallen zu Boden, über Funk dröhnt eine Stimme: "Mayday! Mayday!" Die Aufprallgeräusche werden heftiger, Sirenen beginnen zu heulen. Der Ruf an die Einsatzkräfte kommt ebenfalls über Funk: "Raus hier. Alle Einheiten in Turm eins sofort raus!"

Fast auf den Tag ein halbes Jahr später, nämlich diesen Sonntag, zeigt der amerikanische TV-Sender CBS einen Report über die Ereignisse vom 11. September 2001.

Die französischen Dokumentarfilmer Jules und Gédéon Naudet lieferten das Material, von dem sich die Fernsehstation CBS 50 Millionen Zuseher erhofft. Robert De Niro spricht einleitende Worte.

Wegen eines Gaslecks waren die Männer der Techniktruppe ins Gelände des World Trade Centers gerufen worden. Die Naudet-Brüder begleiteten den Einsatz mit der Kamera zum vermeintlichen Tatort, um Bilder für eine Reportage über die New Yorker "Firefighters" aufzunehmen. Als das erste Flugzeug in den Nordturm krachte, hielt Jules die Kamera gen Himmel. Die Bilder gingen um die Welt, zur gleichen Zeit befand sich sein Bruder im Inneren des Gebäudes. Seine Aufnahmen gelangen nun erstmals an die Öffentlichkeit.

WTC-"Zapruder"-Film

Als den "wahren Zapruder-Film der New Yorker Anschläge" sehen die beiden die zweistündige Dokumentation 9/11. In Anlehnung an den Kleiderfabrikanten Abraham Zapruder, der 1963 das Attentat auf John F. Kennedy mit einer Acht-Millimeter-Kamera einfing. Wie Zapruders Bilder vor vierzig Jahren sorgen ihre Aufnahmen für Diskussionen.

Besonders die Angehörigen der Opfer fürchten die schmerzhafte Wirkung der Szenen. Gil Schwartz, Pressesprecher von CBS, berichtet von "Dutzenden" Beschwerden betroffener Familien. Mit einer "öffentlichen Exekution" verglich die Tochter einer Flugzeuginsassin den Film. Noch vor der Fertigstellung forderten zwei US-Senatoren die "taktvolle" Bearbeitung des Materials ein. CBS versprach größte Sorgfalt, ohne allerdings den ebenfalls umstrittenen symbolträchtigen Ausstrahlungstermin infrage zu stellen. Über den Preis, den er für die Bilder zahlen musste, hüllte sich der Sender lieber in Schweigen. Wie auch die ARD für die Ausstrahlungsrechte in Deutschland.

"In dem Film gibt es nichts, das nicht gezeigt werden soll", stimmt die New York Times dem Vorhaben zu. "Wir sehen die schrecklichen Momente, die wir alle durchlebt haben, - wenn auch in unermesslich unterschiedlichem Ausmaß."
(DER STANDARD, Printausgabe, 9.3.2002)

Fernsehbilder aus dem World Trade Center während des Einschlags der Flugzeuge bekommen Sonntag Millionen US-Bürger erstmals zu sehen. Ab Montag, ein halbes Jahr danach, erinnern in New York zwei Lichttürme.

von Doris Priesching

VIDEO:
Das Video von Jules Naudet vom Einschlag des ersten Flugzeuges (auf CNN)


Über Globalisierung und Gewalt bzw. Virtualität und Realität im Schatten des 11. September spricht am Sonntag im Volkstheater der Philosoph Slavoj Zizek

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