"Ich rackere mich ab"

8. März 2002, 18:36
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KHM-Generaldirektor Wilfried Seipel gewährte dem STANDARD ein Interview - Hier im Volltext

Foto: STANDARD/Cremer
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Wilfried Seipel, Generaldirektor des Kunsthistorischen Museums (KHM), gewährte dem STANDARD ein Interview. Ihm zur Seite standen seine Prokuristin Gabriele Zugay und sein Stellvertreter Franz Pichorner. Vier Recorder zeichneten das Gespräch mit Gerfried Sperl und Thomas Trenkler bei einem Glas Wasser in Seipels Büro auf.

STANDARD: Das KHM gehört zu den großen Kulturbetrieben im europäischen Kontext. Wie stellen Sie sich die weitere Entwicklung vor? Was könnte – nach der Übernahme des Theater- und Völkerkundemuseums – noch hinzukommen?

Seipel: Wir haben keinerlei Absichten, weiter zu expandieren. Mit rund 800 Angestellten, einer Fläche von 80.000 Quadratmetern und einem Umsatz von rund 420 Millionen ist das KHM tatsächlich ein großer Kultur- und Wirtschaftskomplex. Wir streben räumliche und bauliche Erweiterungen an, aber es sind im Augenblick keine zusätzlichen Institutionen vorgesehen, die angedockt werden sollen.

STANDARD: Haben Sie Interesse am Museumsquartier, oder bleibt dieses Areal für Sie völlig autonom?

Seipel: Wir haben hier eine gute Nachbarschaft gefunden. Aber wir sind noch zu wenig architektonisch-räumlich angebunden.

STANDARD: Sie plädieren für eine unterirdische Anbindung an das Museumsquartier. Diese architektonische Gestion steht ja in einer Verwandtschaft zum Louvre. Wie konkret ist das Projekt?

Seipel: Es gibt eine Machbarkeitsstudie, es gibt Gespräche mit den Beteiligten und den Behörden. Aber ich möchte nicht vorgreifen: Wir wollen in absehbarer Zeit eine Pressekonferenz abhalten. Dieses Projekt ist von allergrößter Bedeutung, weil dieses Museumsforum – von der Hofburg bis zum Museumsquartier – dann wirklich eine weltweit große Kulturmeile darstellen würde.

STANDARD: Sie sagten, Sie hätten keine Expansionspläne. Und doch plädieren Sie in einem Konzept, das Sie im Auftrag der Stadt Salzburg erstellten, für einen Betrieb des geplanten Museums im Berg durch das KHM.

Seipel: Ja, ich habe den Salzburgern Möglichkeiten für einen etwaigen Betrieb im Rahmen der Kooperation mit Guggenheim, Eremitage und KHM aufgezeigt. Ich schätze allerdings die politische Durchsetzbarkeit des Projekts als gering ein – so gut ich es fände.

STANDARD: Aber wenn man Ihnen das Museum anbietet ...

Seipel: Ich könnte mir das schon vorstellen. Wir würden das über eine Betreibergesellschaft machen.

STANDARD: Zum Beispiel, wie Sie schreiben, über die Museums Collection (MC), eine Tochtergesellschaft des KHM. Im Zuge der Ausgliederung löste das KHM den Vertrag mit Hoffmann, dem Geschäftsführer für die damals teilrechtsfähigen Bereiche, und übernahm zu 100 Prozent die MC, an der bis dahin Hoffmann – beziehungsweise sein Unternehmen C+M – zu 51 Prozent beteiligt war. Dieses Auflösen der Geschäftsbeziehungen zu Hoffmann soll sich – laut den Grünen – mit einem negativen außerordentlichen Ergebnis von 3,8 Millionen Schilling zu Buche geschlagen haben. Stimmt das?

Seipel: Darf ich meine Prokuristin bitten, zu antworten.

Zugay: Das stimmt nicht. Das sind zwei komplett unterschiedliche Sachverhalte. Durch das Ende der Teilrechtsfähigkeit ist der Managementvertrag mit Hoffmann obsolet geworden. Und über die MC wurden das Lipizzaner-Museum und mehrere Shops – zum Beispiel in Salzburg und Prag – betrieben. Das Kunsthistorische Museum wollte sich aufgrund der Vollrechtsfähigkeit wieder auf die eigentlichen Aufgaben beschränken.

Seipel: Das KHM hat sich daher aus diesem Komplex das Lipizzaner-Museum behalten, und die anderen Teile hat Hoffmann übernommen.

Zugay: Das KHM hat die 51 Prozent von Hoffmann um einen Schilling übernommen. Die Anlagewerte, die mit dem Museumsgeschäft nichts zu tun haben, wurden vom KHM zu Buchwerten angekauft – und an Hoffmann verkauft. Dadurch ist sogar ein kleiner wirtschaftlicher Vorteil für das KHM entstanden.

STANDARD: Gut. Aber die MC war hoch verschuldet. Vor der Übernahme der Hoffmann-Anteile musste das KHM nur für 49 Prozent der Schulden gerade stehen, danach für 100 Prozent.

Zugay: Aber das KHM hatte dadurch auch 100 Prozent des Vermögens. Die Überschuldung der Gesellschaft resultiert im wesentlichen daraus, dass zwar ein operativ positives Ergebnis erzielt wird, dass aber aufgrund der Zinsbelastung und der Abschreibungen diese natürlich in den ersten Jahren noch nicht finanziert werden können.

Seipel: Ich wollte unbedingt die Hofapotheke weiterführen – als Lipizzaner-Museum. Wir haben damit etwas geschaffen, was ohne unser Engagement nicht umgesetzt worden wäre. Wir haben seit der Gründung 1997 bis heute über 300.000 Besucher hineingebracht. Das ist eine gewaltige Leistung. Und das ohne einen Steuerschilling! Aber natürlich kann man einen Kredit, der immerhin zwölf Millionen betrug, nicht innerhalb einer kurzen Frist zurückzahlen. Wir sind jedoch auf einem guten Weg: Wir haben letztes Jahr 500.000 Schilling Gewinn gemacht. Diese Institution hat den Staat nichts gekostet.

STANDARD: Aufgrund der anhaltenden Verlustsituation verlangte der Wirtschaftsprüfer eine Kapitalaufstockung bei der MC um knapp 325.000 Euro (4,46 Millionen Schilling). Woher haben Sie das Geld dafür genommen?

Seipel: Das KHM ist eine vollrechtsfähige selbstständige Anstalt. Wir erwirtschaften rund 40 Prozent Eigenmittel. Und es ist in meiner Verantwortung als Geschäftsführer doch wohl möglich, dass ich diese Mittel dort einsetze, wo sie im Interesse der gesamten Anstalt eingesetzt werden müssen. Geld hat kein Mascherl. 4,5 Millionen Schilling für die Kapitalaufstockung sind nicht zu viel. Weil sie tatsächlich den Fortbestand des Museums ermöglicht haben.

STANDARD: Eben: Geld hat kein Mascherl. Die 4,5 Millionen könnten auch Steuergeld sein.

Seipel: Ein Glas Wasser ist halbvoll oder halbleer. Das ist eine Frage der Interpretation. Ich erwarte mir von einer Kulturberichterstattung, dass das Positive gesehen wird. Dass eben 300.000 Besucher dieses Museum gesehen haben. Und dass eben keine Steuerschillinge hineingenommen wurden. Und wenn ich aus meinem Gewinn, den wir erzielt haben im Rahmen der Vollrechtsfähigkeit – und der ist nicht schlecht -, etwas investiere, dann ist das eine unternehmerische Leistung!

STANDARD: Wenn Sie so viel Gewinn machen, benötigen Sie glücklicherweise keine Subventionserhöhung. Und Sie hätten für das KHM sogar um 4,5 Millionen weniger an Subventionen benötigt.

Seipel: Das ist eine naive Feststellung. Wenn ich genau weiß, dass das Lipizzaner- Museum in fünf, sechs Jahren ein besonderer Hit sein wird, dann investiere ich mit der Kapitalerhöhung in die Zukunft. Aber offensichtlich wollen Sie einen Museumsdirektor, der jeden Tag um 10 Uhr kommt und um 14 Uhr wieder nach Hause geht. Ich rackere mich 60 Stunden in der Woche oder noch längerab- und muss mir dann vorwerfen lassen, dass ich unternehmerisch bestimmte Ziele ansteuere!

STANDARD: Bis zu welcher Höhe dürfen Sie als Generaldirektor Kredite aufnehmen, ohne das Kuratorium zu informieren?

Seipel: 1997 und 1998 hat es noch kein Kuratorium gegeben – in der Vollrechtsfähigkeit seit 1999 sind es zehn Millionen Schilling. Damals war der Kredit aufgeteilt auf Hoffmann und das KHM.

STANDARD: Es geht nicht um 1997 und 1998. In der Abschlussbilanz der MC des Jahres 1999 werden die Verbindlichkeiten gegenüber Kreditinstituten mit 16,6 Millionen Schilling angegeben. Haben Sie das Kuratorium über den Schuldenstand des Lipizzaner Museums informiert?

Seipel: In den Abschlussbilanzen des KHM und in den Quartalsberichten an das Kuratorium und den Finanzminister stehen die Forderungen gegenüber der MC in der vollen Höhe drinnen.

STANDARD: Hat Sektionschef Rudolf Wran, der Vorsitzende des KHM-Kuratoriums, die Bilanzen der MC erhalten?

Seipel: Wahrscheinlich nicht. Es gab keine Veranlassung. Die Ergebnisse der Abschlussbilanz der MC fließen in die Abschlussbilanz der vollrechtsfähigen Anstalt ein.

STANDARD: Wran sagte gegenüber dem Standard, er hätte nicht gewusst, dass die MC hoch verschuldet war.

Seipel: Das kann ich mir nicht vorstellen. Die Forderungen gegenüber der MC stehen ja in den KHM-Bilanzen drinnen.

STANDARD: Nein, es geht nicht um die Forderungen der Mutter- an die Tochtergesellschaft, die laut MC-Bilanz 1999 rund 4,57 Millionen Schilling und laut KHM-Bilanz 7,1 Millionen Schilling betragen haben. Sondern um den Kredit, den die MC bei der Sparkasse Wr. Neustadt aufgenommen hat.

Seipel: Aber die Forderungen ergeben sich aus dem Kredit.

STANDARD: Nein. Das sind zwei verschiedene Dinge.

Seipel: Ich weiß nicht, warum hier krampfhaft versucht wird, uns irgendwas anzuhängen. Denken Sie bitte positiv und sagen Sie, das ist eine tolle G’schicht, dass in der ehemaligen Hofapotheke nun das Lipizzaner-Museum ist – und nicht ein langweiliges Teehaus. Nur weil die Grünen gegen die Ausgliederung waren, muss ich mir jetzt vorwerfen lassen, dass bilanztechnische Tricks angewendet wurden. Dabei ist das Bundesmuseumsgesetz letztlich ein großer Erfolg. Das sollte auch bei der Berichterstattung berücksichtigt werden.

STANDARD: Kommen wir noch zum Palais Harrach. Dort werden Maler wie Gottfried Kumpf gezeigt, die populär sind und ihre Meriten haben. Aber wie vereinbaren Sie solche Ausstellungen mit dem besonders hohen KHM-Qualitätsniveau?

Seipel: Wir haben seit der Eröffnung des Palais Harrach 1995 rund 70 oder 80 Ausstellungen durchgeführt. Auch in das Palais Harrach ist nie ein Steuerschilling geflossen! Das ist ein Betrieb, der sehr viel Geld kostet. Wir zahlen rund 450.000 Schilling Miete im Monat für eine Fläche von immerhin 2000 Quadratmetern. Und wir haben damit auch eine gewisse Lücke im Ausstellungsprogramm dieser Stadt gefüllt.

Wir haben eine Fülle von Ausstellungen gemacht, die des KHM würdig sind, aber im Haupthaus aufgrund des Platzmangels nicht gezeigt werden konnten: Die Kunst der Seidenstraße, Das Capriccio als Kunstprinzip, Die Kunst der Medici. Wir haben zudem Plastik und klassische Fotografie präsentiert: Wotruba, Rodin und Henry Moore, Trummler, Hubmann und Harry Weber.

Aber wir können die 2000 Quadratmeter nicht permanent auf diesem Level führen. Und wir bespielen sie daher auch zusammen mit Dritten. Da gab es eben die Ernst-Fuchs-Ausstellung zu dessen runden Geburtstag. Wir hatten keine Kosten – und bekamen die Einnahmen. Und damit sich der Fuchs freut, haben wir aufs Plakat auch das KHM-Logo gegeben. Was den Gottfried Kumpf anbelangt: Das war eine Ausstellung mit der Galerie Hilger. Ich schäme mich nicht für solche Ausstellungen.

STANDARD: Letzte Frage: Sie sitzen im Stiftungsrat des ORF. Es heißt, dass man sich wieder mehr der österreichischen Identität, der österreichischen Kultur widmen will. Also eine Abkehr von der Kopieranstalt deutscher Privatsender. Was sind Ihre Vorstellungen?

Seipel: Ich sehe große Möglichkeiten. Die im Rundfunkgesetz verankerte Zielsetzung, die österreichische Identität zu fördern und zu präsentieren, ist eine große Herausforderung. Wir sind dabei, bestimmte Konzepte auch auf dem kulturellen Bereich, für den ich mich zuständig fühle, zu entwickeln, um eben auch die österreichische Kunst und Kultur nicht mehr als Spätabendprogramm zu zeigen, sondern auch spannend zu machen, dass der ORF den Kulturauftrag auch sichtbar wahrnimmt.

STANDARD: Ist ein "Kunst-Universum" denkbar?

Seipel: Ein "Kultur-Universum" wäre eine wahnsinnig gute Idee. Wir haben schon mit der Frau Generaldirektor Lindner und Produzenten darüber geredet. Ich glaube, es wird gelingen, dieses "Kultur- Universum" durchzusetzen.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9./10. 3. 2002)

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