Über "das Leben in Temelín"

8. März 2002, 14:15
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Eine Reportage von Nikolaus Geyrhalter

Auf der anderen Seite der Grenze nimmt man die Dinge etwas gelassener. "Dann reißen wir das Atomkraftwerk eben 20 Jahre lang wieder ab", meint ein Bauer schelmisch, der nahe Temelín einen Betrieb führt. Der Förster des angrenzenden Waldstücks ist verärgert, allerdings über die Umweltaktivisten, die gegen die Kälte Feuer machen, ja Bäume gefällt haben.

Das Leben in Temelín - so der TV-Titel einer Am Schauplatz-Reportage des heimischen Dokumentarfilmemachers Nikolaus Geyrhalter -, es verläuft in gewohnten Bahnen. Von der Aufregung, einem Volksbegehren gar, nimmt man in dem Dorf mit dem berühmten Namen nicht allzu viel Notiz. Kinder laufen Schlittschuh, die Greißlerin wartet auf ihre ersten Kunden, der Bürgermeister spricht es aus: Das wahre "Unglück", die Zersiedlung des Ortes, liegt lange zurück.

Geyrhalter, der in Pripyat, seinem Film über Tschernobyl, von der Normalität des Lebens in tatsächlich verstrahltem Gelände erzählte, fragt nach, interessiert sich für die Befindlichkeit der tschechischen Dorfbewohner; das Kraftwerk ist ein Thema, aber nicht der Gegenstand der Arbeit. Es ist präsent, in den Bildern ist es oft im Hintergrund zu sehen.

Von gängigen TV-Reportagen hebt sich Temelín - ein Dorf in Südböhmen (so der reguläre Titel des Films, Anm.) ab: durch seinen insistierenden Blick, Einstellungen mit anderem Zeitmaß, den Verzicht auf Off-Kommentar. Vom hiesigen Umgang mit Temelín ebenso: durch die Bereitschaft, sich auf die Lebensumstände der Nachbarn einzulassen.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8. 3. 2002)

Von
Dominik Kamalzadeh



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