Hinab in die Archive von Mittelerde

8. März 2002, 11:23
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Kleine Uni in Bayern beherbergt eine der größten Tolkien-Sammlungen der Welt

Eichstätt - Wer den mythenumwitterten Kontinent "Mittelerde" sucht - der kann auch ins bayerische Eichstätt fahren. In der barocken Kleinstadt versteckt sich ein Einfallstor zur Nebenwelt aus dem Fantasy-Roman "Der Herr der Ringe". Die Bibliothek der Katholischen Universität beherbergt rund 1.100 Bücher von und über Autor John Ronald Reuel Tolkien (1892 1973), dazu angeblich "kistenweise unveröffentlichtes Material".

Sekundärliteratur jeder Art

"Die Sammlung zählt zu den größten Tolkien-Archiven der Welt", sagt Bibliotheks-Direktor Hermann Holzbauer. Ein dicker Katalog informiert darüber, was in der Handschriftenabteilung auf weitere wissenschaftliche Auswertung wartet: Fachzeitschriften und Fanmagazine aus aller Welt, Noten für "fantastische" Gesänge sowie Zeichnungen über Statur und Figur der "Mittelerde"-Bewohner.

In den großen roten Pappkartons liegen zudem Briefe des Aachener Fantasy-Forschers Gisbert Kranz an Tolkiens Tochter und dessen Sohn. Der Anglist hatte die Sammlung zu mehreren britischen Fantasy-Autoren Anfang der achtziger Jahre aufgebaut. Vieles davon stammt aus englischen Antiquariaten. Als Kranz' Wohnung zu eng wurde, wanderte das Archiv 1994 von Aachen nach Eichstätt.

Wie ein Blick in die Sammlung zeigt, fesseln Tolkiens Abenteuerromane vom kleinen Hobbit Forscher in England wie in Polen, Holland, Kanada und den USA. Das Leben des Philologen wird häufig skizziert: 1892 in Südafrika geboren, früh verwaist, Philologie-Studium, Offizier im Ersten Weltkrieg, anschließend Professor für altenglische und germanische Sprachen in Oxford.

"Inklings"

In den dreißiger und vierziger Jahren traf sich Tolkien regelmäßig mit Universitäts-Kollegen zu Kamingesprächen. Die Wissenschaftler lasen eigene Fantasy-Geschichten vor und kritisierten sich schonungslos. Die Gruppe nannte sich "Inklings", was "Tintenkleckser" bedeutet, aber auch "Ahnungen". Zu den Autoren, die ihre Ahnungen einer Nebenwelt zu Papier brachten, zählten etwa Clive S. Lewis, Charles Williams und Gilbert K. Chesterton.

Die Eichstätter Bibliothek hält zu den Inklings-Autoren rund 4.000 Titel bereit, wie Holzbauer erläutert. In den Kisten mit losen Blättern entdeckt man zudem vergilbte Notizzettel, auf die Chesterton mit Bleistift Teile einer Geschichte kritzelte. Über Tolkien steht zu lesen, dass seine Karriere als Romanautor zufällig begann. Die Legende will, dass der Professor eines Nachts, als er Examensarbeiten korrigierte, plötzlich die Worte niederschrieb: "In einer Höhle in der Erde, da lebte ein Hobbit." Jahrelang habe er an der Geschichte nicht weiter gearbeitet, dann jede Nacht geschrieben, bis er mit dem Roman schließlich 1937 einen Bestseller veröffentlichte.

Von den kleinwüchsigen, großherzigen Hobbits zu erzählen, dürfte Tolkien nicht schwer gefallen sein. "Ich bin selbst ein Hobbit", notierte er, "in allem bis auf die Größe." Er liebe Gärten, reise nicht viel, habe einen einfachen Humor. Und wie die Winzlinge trug der Autor gern dekorative Westen und verabscheute die französische Küche. Neben der Liebe zum Landleben pflegte Tolkien eine weitere Leidenschaft. Der Professor beherrschte neun Sprachen, darunter Isländisch und Altnordisch. Für "Mittelerde" erfand er eine Kunstsprache. In "Elbisch" übten sich später Tolkien-Forscher, wie im Eichstätter Archiv zu sehen ist. Mit schwungvollen Schnörkeln und feinen Querstrichen wirkt die Schrift wie eine Kreuzung aus arabischen und asiatischen Zeichen.

Nutzung gestiegen

Seit der Film "Der Herr der Ringe" Tolkien-Fans in die Kinos zieht, steuern laut Bibliotheks-Direktor Holzbauer mehr Besucher das Eichstätter Archiv an. "Die meisten Forscher sind Anglisten, Theologen oder Psychologen." Derzeit nutzten zehn Wissenschaftler die Sammlung für größere Arbeiten. Die Universität kann sogar ein Forschungs-Stipendium vergeben. Themen rund um Tolkien gibt es genug: Sprache, Stil oder das Umfeld der christlichen Inklings-Autoren.

Welche Verantwortung auf Hobbit Frodo lastet, weil er einen Macht verleihenden Ring besitzt, ist ebenfalls bereits wissenschaftlich analysiert. Ein Atlas von "Mittelerde" und Tipps aus einem "Reiseführer" helfen beim Trip in die Nebenwelt, ein Quizbuch komplettiert die Reisevorbereitungen. Was man nicht über "Mittelerde" weiß, lässt sich vor dem Aufbruch noch schnell im Eichstätter Archiv nachschlagen. (APA)

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