"Literatur im März" eröffnet politisch

8. März 2002, 11:03
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Mailath-Pokorny über die "eher rückschrittliche" Gegenwart Österreichs

"Frauen - Was nun?" Mailath-Pokorny antwortet: "Keinesfalls zurück zu den alten Rollenbildern" - Eigener Frauenkunstbericht der Stadt Wien angekündigt

Wien - "Frauen - Was nun?": Die Frage, wie es den Frauenbewegungen in den letzten zwei Jahrzehnten ergangen ist und wie sich ihre Zukunftsperspektiven darstellen, versucht seit Donnerstag die diesjährige Ausgabe des Literaturfestivals "Literatur im März" (noch bis 10. 3.) mit Lesungen, Workshops und Diskussionen zu klären. Der Wiener Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny antwortete bei der Eröffnung im diesjährigen Veranstaltungsort, der Kunsthalle Wien im MuseumsQuartier, auf die im Festivalmotto gestellte Frage:"Jedenfalls nicht zurück zu den alten Rollenbildern".

Schritt zurück

"Das ist das Wichtigste, auch wenn es eher defensiv klingt", befand der Kulturstadtrat angesichts der "gegenwärtigen Politik", die "eher rückschrittlich" sei. Die Rückkehr zu den "alten Rollenklischees" werde "nicht nur angedacht, sondern auch angeboten, wie am Kindergeld zu sehen" sei. Zu hinterfragen seien "eigenartige Schritte zur Gleichberechtigung" wie die "Männerabteilung" im "von einem Mann geleitet Frauenministerium", die, "wenn ich das richtig gelesen habe, hauptsächlich deutschnationale, schlagende Verbindungen" fördere, so Mailath-Pokorny.

Trotz den "mit einigem Optimismus" erkennbaren Verbesserungen der gesellschaftlichen Situation der Frauen sei auch im Kulturbereich der Frauenanteil in gehobenen Positionen "sehr niedrig". Mailath-Pokorny versuche, bei den Nachbesetzungen und durch das "Sichtbar-Machen von Frauen durch Straßennamen und Ehrungen", hier einen "ganz wesentlichen Schritt" zu setzen. Weiters kündigte Mailath-Pokorny die Erstellung eines "eigenen Frauenkunstberichts" der Stadt Wien an.

Beginn der Lesungen

Nach der Begrüßung durch Christine Pelousek, die Generalsekretärin des veranstaltenden Kunstvereins Wien Alte Schmiede, eröffnete die deutsche Soziologin und Feminismusvordenkerin Christina Thürmer-Rohr unter dem Motto "Immer wieder anfangen" das Lesungsprogramm des Festivals.

Thürmer-Rohr, die mit ihrer These von der Komplizenschaft der Frau in der feministischen Theorie für Aufsehen gesorgt hatte, umriss fünf Phasen der Veränderung des feministischen Diskurses über Gewalt. Vom Bild der "Schuldlosigkeit der Frau" an der patriarchalen Gewalt über die Aufsehen erregenden These der Mittäterschaft und Täterschaft der Frauen (auch der deutschen Frauen im Nationalsozialismus, wo Männer und Frauen ein "Ensemble" der Gewaltausübung bildeten, so Thürmer-Rohr) bis zur Dekonstruktion der "erzwungenen" Geschlechterrollen als "totalitäres Konstrukt" zeigte die auch als Pianistin tätige Theoretikerin die vielschichtigen Entwicklungen. "Einfach waren solche Einsichten nicht", betonte sie.

Weitere Programmpunkte

Die anschließende Lesung aus den Werken der russischen Schriftstellerin Ljudmila Ulitzkaja musste die Übersetzerin Ganna Maria Braungardt alleine bestreiten, da Ulitzkaja nicht rechtzeitig anreisen konnte. Den Eröffnungsabend beschlossen die französische Autorin Christine Angot ("Inzest") und die Performance "Es kann nicht mehr" von und mit Mara Mattuschka.

An den weiteren Festivaltagen lesen unter anderem der deutsche Soziologe Klaus Theweleit (Freitag, 20 Uhr), die Friedenspreisträgerin des deutschen Buchhandels Assia Djebar (morgen, 20 Uhr) und der deutsche Schriftsteller Thomas Hettche. Ein Film- und Videoprogramm rundet das Programm der Veranstaltung ab. Der Eintritt ist frei. (APA)

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