Das neue Manns-Bild

8. März 2002, 09:00
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Blattsalat zum Frauentag

Das Timing war perfekt. Exakt zum Frauentag präsentierte "NEWS" einen ersten zarten Versuch in Richtung Gleichberechtigung der Männer. Nach dem Riesenerfolg von WOMAN starten wir in dieser Woche MAN: Die Seiten für den Mann in NEWS. Über die Entschlossenheit, mit der alles, was Mann will, künftig dargeboten werden soll, war der Herausgeber mit sich offenbar nicht ganz im Reinen. Hieß es im Inhaltsverzeichnis, ab jetzt regelmäßig in NEWS, wurde im nebenstehenden editorial behauptet: Noch ist nicht entschieden, wie oft MAN in NEWS als Extra erscheint. Im Blattinneren wieder Gewissheit: NEWS MAN ist der erste Startballon für ein neues Extra-Service, das wir Ihnen künftig regelmäßig anbieten wollen.

Beim Parade-WOMAN des Fellnerschen Familienbetriebes dürften ob der Missachtung des Frauentages einige Sicherungen durchgebrannt sein, schlug sie doch auf der Seite der neuen Schönheits-Methoden unter dem Titel Verzeihung, tragen Sie Ihren Popo im Gesicht? mit Enthüllungen aus dem Familienleben zurück. Man cremt und schmiert als Frau, dass man davon im Grunde schon ganz irre ist. . . Beim Zubettgehen ist man gar nicht selten richtig froh, wenn der Gefährte schon durch süße Schnarchgeräusche Ignoranz signalisiert. Gott verhüte, dass er nachts zu Sinnen kommt.

Wo Gott persönlich verhütet, ruhen die Sinne, jedenfalls so lange, wie der Gefährte mit dem Kunststück beschäftigt ist, durch süße Schnarchgeräusche Ignoranz zu signalisieren, was er als neues Manns-Bild gar nicht notwendig hätte, könnte er der weißgekalkten Creme-Visage neben sich doch auch durch süßes Signalisieren gottgewollter Abstinenz Seelenruhe verschaffen.

Wovon es abhängt, ob MAN in NEWS nun regelmäßig erscheint oder nicht, wurde nicht ganz deutlich. Im vorderen Teil des Blattes heißt es: Wenn die Leserpost mit der Frage "Wann macht ihr endlich neben WOMAN auch ein MAN in NEWS? ein Gradmesser ist, dann gibt 's MAN bald regelmäßig. Im hinteren Teil dagegen wurde einem klar gemacht, weniger die Leserpost als vielmehr die inseratenmäßige Verwertbarkeit von Männlichkeit werde dieses epochale Problem entscheiden.

Auf die eher akademische Frage Welcher Männertyp sind Sie? hatte MAN noch die Auswahl zwischen George Clooney, Leonardo DiCaprio, Russel Crowe und Marcus Schenkenberg. Die Realität trat dann etwas prosaischer auf den Plan, in Gestalt dreier Männer mit Stil, an denen demonstriert wurde, wie Mann mit persönlichem Stil punkten kann, oder in anderen Worten, wie weit er sich als Träger von Schleichwerbung eignet.

So war von einem zeitlos eleganten Tanzschul-Chef zu erfahren, beim Unterricht trage er am liebsten das Komplett-Ensemble von Hugo Boss (Peek & Cloppenburg), während ein ewig lässiger Star-Koch das Sakko bei Dolce und Gabbana, Hemd und Jeans von Hugo Boss (alles Don Gil), die Schuhe aber von Prada (Wunderl) erwirbt. Dass eine Fußball-Legende sein Schuhwerk nur bei einem Stiefelkönig, aber den Hugo-Boss-Anzug ebenfalls bei Peek & Cloppenburg kauft, wird das neue Manns-Bild mit jenem Testosteronstoß versorgen, den es braucht, um den Frauentag halbwegs zu überstehen und an den richtigen Adressen zu shoppen.

Auch die olfaktorischen Neigungen der MAN in NEWS dürften gut zu den geschäftlichen Interessen der NEWS-MEN passen. Der Starkoch würzt sich mit "Kenzo" und "La Prairie", dem sanften Macho vom Rasen sind verschiedene Duftnoten wichtig. Tagsüber Cerruti oder Armani, abends Gucci. Wenn er abends unter Flutlicht nur nichts durcheinander bringt. Oder sonst wo, hat er doch auch Sinn für inseratenmäßig Unverwertbares: Ich versuche in Österreich öfter in die Oper zu gehen. Der moderne Edelmann vom Tanzparkett scheut hingegen die Qual der Wahl: Mein Duft ist Aramis. Auch als Gesichtscreme wirkt Aramis Wunder.

Die Bekenntnisse dieser Männer mit Stil müssten auch beim Parade-WOMAN einen Umdenkprozess einleiten. Wenn schon eine Gesichtscreme Wunder wirkt, warum dann auf einen findigen US-Chirurgen bauen, der den Frauen - Sie verzeihen mir bitte - mit dem Arsch am liebsten ins Gesicht fährt. Wörtlich, wenn auch nicht mit seinem. "Spacelift" heißt sein gut gebuchtes Jungbrunnen-Verfahren, bei dem Fettzellen vom Popscherl abgesaugt und in die mürb gewordenen Gesichtszüge gespritzt werden. . . Alles wieder prall, man trägt praktisch seinen eigenen Hintern im Gesicht.

Das führt uns wieder zum Frauentag, an welchem alljährlich der Ungerechtigkeit zwischen den Geschlechtern der Kampf angesagt wird: Es gibt so viele Männer, die brauchen dazu gar kein gut gebuchtes Jungbrunnen-Verfahren. Und trotzdem sind sie zutiefst überzeugt, dass sie mit persönlichem Stil punkten. Was ja irgendwie nicht ganz falsch ist.

(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 08. März 2002)

von Günter Traxler
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