Zweckliaison statt Straße

7. März 2002, 20:49
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Obdachlose Frauen bleiben oft verborgen - doch die Zahl steigt

Linz - Er sitzt im Park, trinkt Fusel und schnorrt Passanten um Geld an, so die weit verbreitete Vorstellung von einem "Sandler". Die Frage des Geschlechts ist damit auch schon beantwortet: männlich. Stimmt so nicht, sagt die Arge Obdachlose in Linz. Jedes Jahr steigt die Zahl obdachloser Frauen, die der Verein betreut. Vor vier Jahren seien es noch rund 40 gewesen, 2001 suchten bereits 78 Frauen Hilfe bei der Arge.

Verantwortung für Kinder

Elisabeth Fölser ist eine von zwei Betreuerinnen, die 1997 das Angebot "Arge Sie" des Vereins speziell für weibliche Obdachlose ins Leben gerufen haben. "Eigentlich muss es Wohnungslose heißen", meint sie. Im Gegensatz zu den Männern gingen Frauen mehr (Zweck)-Verhältnisse ein, erklärt Flöser. "Weibliche Obdachlosigkeit ist deshalb nicht so sichtbar, existiert aber dennoch." Die Ursache dafür: Jene Frauen, die zur "Arge Sie" kommen, haben meistens noch die Verantwortung für Kinder, wollen nicht, dass sie auf der Straße landen. Die Aufgabe des Vereins, der von Bund, Land und Stadt Linz finanziert wird, sei es, die Existenzgrundlage zu sichern.

Wohnplattform

Zum Beispiel für jene Mutter von drei Kindern, die sich nach der Scheidung nicht mehr in der Lage sieht, mit 726 Euro Verdienst im Monat 581 Euro Miete für die ehemals gemeinsame Wohnung aufzubringen. Nun macht sich Fölser auf die Suche nach einer neuen Wohnung. Findet sie nichts auf dem freien Markt, gibt es die Möglichkeit der so genannten Wohnplattform.

Jener Verein stellt für maximal eineinhalb Jahre eine Übergangswohnung in Linz zur Verfügung. In dieser Zeit werden die Frauen zudem persönlich betreut, denn das Wohnproblem sei in der Regel nicht das einzige der "Obdachlosen".

Kein Job, Alkohol oder illegale Drogen, oft hätte das Jugendamt den Frauen auch schon die Kinder weggenommen, erläutert die Betreuerin womit sie täglich konfrontiert werde. Das Alarmierende: Seit Herbst 2001 sei jeder neue Monat ein Spitzenmonat mit neuen Fällen. Im Februar meldeten sich 16 Frauen.

Kontinuierliche Zunahme von Frauen in Notsituationen Eine kontinuierliche Zunahme der Zahl von Frauen in Notsituationen registriert auch die Katholische Aktion der Diözese Linz. 1992 erhielten aus dem Hilfsfonds 96 Mütter Geld, im Jahr 2000 waren es bereits 168. Und die aktuelle Studie "Frauenleben in Oberösterreich" der Landesregierung zeigt, dass die "Arbeitslosigkeit weiblich ist", vor allem in der Landeshauptstadt. Jede fünfte Linzerin zwischen 27 und 37 Jahren war laut Studie schon mehrmals erwerbslos. (Kerstin Scheller, DER STANDARD Print-Ausgabe 8.März 2002)

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