Indio-Autonomie statt Globalisierung

8. März 2002, 20:25
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Groß angelegtes Forschungsprojekt Europa-Lateinamerika startete in Wien

Wien - Vor seiner Wahl kündigte Mexikos Präsident Vicente Fox an, er werde den Konflikt mit den Zapatisten in Chiapas "in 15 Minuten" lösen. "Jetzt ist er 15 Monate im Amt und hat noch keinen wesentlichen Schritt getan, um die ausverhandelte Autonomie für die Indios umzusetzen", sagte Gilberto López y Rivas, Exvorsitzender der parlamentarischen Kommission für das südmexikanische Chipas, am Mittwoch in Wien. Fox habe sogar die Abnützungstaktik gegen die Zapatisten (samt Übergriffen von Paramilitärs) fortgesetzt.

López y Rivas, nun Bürgermeister von Tlalpan, einem zwei Millionen Einwohner zählenden Teil von Mexiko-Stadt, wendet für die dort lebenden Indios die Autonomie-Idee an: Sie können ihre Repräsentanten selber wählen.

Mexikos Zapatisten sind Teil einer in ganz Lateinamerika aktiven, unterschiedlich agierenden Bewegung für die Rechte der indigenen Bevölkerung. Ihr breit unterstütztes Drängen auf kulturelle Identität und Selbstverwaltung ist auf das Interesse von Wissenschaftern gestoßen, die nach einer "partizipativen Demokratie" als Alternative zur Globalisierung suchen.

"Multikulturelle Autonomie" in Wien

Ein auf drei Jahre angelegtes, von der EU unterstütztes Forschungsprogramm über "multikulturelle Autonomie" hat diese Woche mit einem Arbeitstreffen von 20 Aktivisten und Forschern aus 13 Ländern Lateinamerikas und Europas in Wien begonnen. "In den nächsten zwei Jahren werden wir Feldforschungen in Lateinamerika betreiben, dann kehrt das Projekt nach Europa zurück, um sich auch mit der Problematik der Basken und der Tschetschenen zu befassen", berichtet Leo Gabriel, Wiener Lateinamerikaexperte und Gesamtkoordinator des Projekts.

Der Schlussbericht, ein "Reference Guide" für Autonomiefragen, soll dann in sechs Sprachen übersetzt und auch in die EU-Diskussionsforen eingespeist werden. Bei ei- ner Publikumsdiskussion am Mittwoch in Wien beschrieben die Teilnehmer Autonomiebestrebungen auch als Basis für eine nachhaltige, damit auch umweltschonende wirtschaftliche Entwicklung.

Ileana Almeida, Anthropologin beim Indio-Dachverband Ecuadors (Conaie), betonte, dass dort in den selbst verwalteten Indiogemeinden auch Mestizen voll akzeptiert würden. Denn eines wollen die Autonomie-Befürworter auf keinen Fall: die Erreichung "ethnisch reiner Gebiete", was in Exjugoslawien direkt in den Völkermord führte. (DER STANDARD, Printausgabe, 8.3.2002)

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