"Wir müssen uns nur vom Sofa erheben"

7. März 2002, 18:58
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Frauentag 2002: Zu viele "alte" Männer in der Politik, zu wenig Politik für "neue" Männer

Zwei Drittel der Frauen fühlen sich von der Politik nicht vertreten, sagen die Forscherinnen Cheryl Benard und Edit Schlaffer vom Boltzmann-Institut für Politik und zwischenmenschliche Beziehungen. Mit ihnen sprach Martina Salomon.

Standard: Sie beschäftigten sich in Ihrem neuen Buch mit den Frauen Afghanistans. Sind die Frauenprobleme hierzulande da nicht einfach nur Luxusprobleme?

Benard: Überhaupt nicht. Die Lösung der Frauenprobleme weltweit setzt voraus, dass wir uns auch intensiv mit unserem eigenen Status auseinander setzen. Dort, wo die Zivilgesellschaft nicht von Frauen mitgetragen wird, schaut es eben so aus wie in Kabul im Jahr 2002. Das soll uns eine echte Warnung sein.

Standard: Denken Frauen sozialer?

Schlaffer: Ich glaube schon. Einfach, weil sie in der Situation sind, soziale "Inbalancen" ständig auffangen zu müssen. Für unser vorletztes Buch ("Die Physik der Liebe. Warum selbstbewusste Frauen glücklichere Beziehungen haben") haben wir erhoben, dass zwei Drittel der Frauen in Deutschland und in Österreich finden, die Gleichberechtigung sei noch nicht hinreichend durchgesetzt. Besonders über die schlechteren Verdienstchancen sind sie empört. Das werden die Parteien zu spüren bekommen. Zwei Drittel der Frauen fühlen sich durch die offizielle Politik nicht hinreichend vertreten. Auch die Kirche ist in der Schusslinie. In Summe ergibt das sozialen Zündstoff.

Standard: Hat diese Regierung das Misstrauen verstärkt?

Benard: Das sind Trends, die sich schon länger abzeichnen. Mittlerweile glaubt übrigens nur mehr ein Drittel der Frauen, dass man zu einem gelungenen Leben einen Partner braucht. Beruf ist das Fundament. Geld, Qualifikation und Bestätigung sind ganz wichtige Faktoren.

Standard: Und Kinder?

Schlaffer: Der Kinderwunsch ist absolut ausgeprägt - nur setzt da ein Realitätsdenken ein. Da geht es um die Verlässlichkeit der Beziehung in Kombination mit einem lückenhaften Unterstützungsnetz. In anderen europäischen Ländern gibt es selbstverständlich Ganztagsschulen. Bei uns hingegen tut man so, als ob Schule ein Ort wäre, der den Kindern am Nachmittag nicht zumutbar wäre. Das ist eine Fehleinschätzung.

Standard: Der Herr Sozialminister hat gemeint, dass Kinderlosigkeit eine Folge von Wohlstand ist.

Benard: Nein, das hat mit mangelnden flankierenden Maßnahmen zu tun - übrigens auch für Männer. Es gibt für sie zu wenige Angebote, um am familiären Leben teilzunehmen. Eine unserer Studien zeigte, dass der Wunsch, ein neuer Vater zu sein, sehr ausgeprägt ist.

Standard: Sie vergeben also keinen schwarzen Peter an die Männer?

Schlaffer: Natürlich steckt in jedem Mann ein Pascha, wenn man ihm das erlaubt. Unsere Studien zeigen aber, dass der einzige Weg aus der dramatischen Krise der Institution Ehe eine egalitäre Partnerschaft mit gleichen Pflichten für Männer und für Frauen ist.

Standard: Gibt’s selbst gestellte Frauenfallen?

Benard: Männer sind bei weitem weniger selbstkritisch und setzen sich mehr in Szene. Wir müssen aufhören, kleine Fehler maßlos zu überschätzen. Je qualifizierter und je emanzipierter wir sind, desto mehr können wir auch für Frauen weltweit tun.

Standard: Die Regierung macht keine spezielle Frauenpolitik. Vermissen Sie das?

Benard: Es ist traurig, aber nicht ganz so tragisch. Heute ist Politik von unten entscheidend.

Standard: Ist die feministische Bewegung nicht viel kleiner als noch in den Siebzigerjahren?

Schlaffer: Sie kommt aber wieder, auf internationaler Ebene, weil die Unzufriedenheit immens ist.

Standard: Sie fordern die Frauen auf, sich weltweit in die Politik einzumischen?

Schlaffer: Unbedingt. Afghanistan war eine Fallstudie, wie man Politik jenseits der offiziellen Kanäle, allerdings unter Lebensgefahr, macht. Um wie viel weniger müssen wir einsetzen! Wir müssen nur die Schwerkraft überwinden und uns vom Sofa erheben.
(DER STANDARD, Printausgabe, 8.3.2002)

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