Zuwanderer in Parallelwelten

7. März 2002, 20:23
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Von Hans Rauscher

Die junge Frau türkischer Abstammung arbeitet bei McDonald's. Sie trägt damit sehr viel zum Erhalt der Familie bei. Der Vater ist schon länger wegen einer schweren chronischen Krankheit arbeitsunfähig, die Mutter führt den Haushalt, der zehnjährige Bruder geht in die Schule. Aber er hat große Schwierigkeiten, weil er nicht mitkommt. Er spricht viel zu schlecht deutsch. Zu Hause hat er es zunächst nicht gelernt, weil dort einfach nur türkisch gesprochen wurde. Sein Vater kann sich nicht um ihn kümmern, die Mutter kann nur ein paar Worte Deutsch und lernt auch nicht mehr, weil sie innerhalb des türkischen Ghetto noch einmal im muslimischen Frauen-Ghetto lebt.

Die ältere Schwester, die sich, weil willensstark und überdurchschnittlich intelligent, in der Schule leichter getan hat, kann ihm nur wenig helfen, denn sie muss arbeiten (außerdem will sie auch ihr eigenes Leben). Also spricht sie an ihrem Arbeitsplatz eine Kundin an, die sie in "Willkommen Österreich" als Familientherapeutin gesehen hat: Was kann man tun?

Im konkreten Fall: an die sozialen Einrichtungen wenden, die die Gemeinde Wien zur Verfügung stellt. Grundsätzlich: Integration fördern. Aber wenn man sich einmal über dieses Schlagwort hinaus auf die Realität einlässt, dann landet man bei einiger gedanklichen Konsequenz unweigerlich bei der Frage: Heißt das auch, Integration notfalls erzwingen? Heißt das letztlich das, wofür die schwarz-blaue Koalition von den humanitären Organisationen hart kritisiert wird, nämlich z. B. verpflichtende Sprachkurse?

Der Spiegel hat soeben in einer großen Analyse das Problem benannt: "Millionen von Immigranten leben in blickdichten Parallelwelten nach eigenen Regeln von Recht und Ordnung." Die Problematik ist in Deutschland viel ausgeprägter als in Österreich, weil die Gruppe, die besonders stark zu Abkapselung neigt, nämlich der Türken, viel größer ist.

Aber die Realität ist auch hierzulande nicht zu leugnen: Zehntausende, wenn nicht Hunderttausende leben hier in einem eigenen, abgeschotteten gesellschaftlichen Raum, zum Teil nach Regeln, die niemand in der österreichischen Gesellschaft akzeptieren würde. Besonders die Frauen in den muslimischen Gemeinschaften führen objektiv ein Leben außerhalb der Grundsätze einer modernen, säkularen, demokratischen und menschenrechtlich verfassten Gesellschaft. Aber auch die Alten und die Jugendlichen fallen auf-grund dieser Abschottung aus dem gesamtgesellschaftlichen Gefüge heraus, mit ausgesprochenen Aufstiegsnachteilen für die Jungen. Das wiederum macht anfällig für fundamentalistische oder nationalistische Verführung.

Wenn wir aber "Parallelwelten" nicht zulassen wollen, dann heißt das vor allem, das Lernen der Sprache zu fördern. Aber ohne Verpflichtung wird das realistischerweise nicht gehen. Allerdings: Der "Integrationsvertrag", den die Regierung auf Druck der FPÖ beschlossen hat, taugt nicht dazu. 100 Stunden verpflichtender Deutschkurs sind lächerlich. Das neue deutsche Zuwanderergesetz sieht 600 Stunden vor, 800 wären wohl notwendig. Eine reine Verpflichtung, ohne Anreize, widerspricht allen wissenschaftlichen und praktischen Erkenntnissen und hat einen, wohl nicht ganz unbeabsichtigten, Herrenmenschen-Hautgout.

Keine Gesellschaft kann auf Dauer abgeschottete Subgesellschaften zulassen, in denen etwa die Errungenschaften der Frauenbefreiung, der Familiengesetzgebung und der Religionsfreiheit nicht gelten. Der Weg, den aber die Regierung wählt, ist weitgehend untauglich.


(DER STANDARD, Printausgabe, 8.3.2002)
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