Ein Schneesturm braust in getropfter Farbe

7. März 2002, 20:23
posten

Herbert Brandls Bergbilder im Grazer Künstlerhaus

Graz - Dem Gefühl des Erhabenen wurden schon die unterschiedlichsten Erklärungsmodelle anheim gestellt. Bei Edmund Burke, der vor bald 250 Jahren die Diskussion lostrat, ist es eine Leidenschaft des Schreckens, welche dennoch froh machen könne, wenn der Mensch mit Schmerz und Gefahr konfrontiert werde, ohne selbst dabei wirklich in Gefahr zu geraten.

In Burkes Sensualismus üben beispielsweise große Objekte auch einen großen Reiz auf das Auge aus, der dem Charakter des Schmerzes sehr nahe kommt. Kant schließt hier an, nicht ohne freilich das Erhabene aus der Natur in den Menschen selbst zu verpflanzen. Zu den Auslösern des Vorgangs gehört weiterhin auch alles das, was "über alle Vergleichung groß ist", im Gefühl des Erhabenen kann der Mensch aber seine eigene Überlegenheit über die Natur als Transzendierung des Sinnlichen erkennen.

Solcherart vorbereitet und angesichts der überwältigenden Katastrophen, die das vergangene Jahrhundert zu bieten hatte, wurde das Erhabene von Lyotard schließlich in den Diskurs der Postmoderne und ihrer Kunst integriert. Der alte Widerstreit von Lust und Unlust, dem sich das Erhabene verdankte, wird auf den Konflikt zwischen dem Vermögen zu denken und dem Vermögen darzustellen übertragen, illustrierende Bildbeispiele sind in Abstraktion und Suprematismus rasch gefunden.

Ein Undarstellbarkeitsparadigma legt sich von hier aus über die Kunst, die nur noch sichtbar machen könne, indem sie zu sehen verbiete. Dem Trost durch gute Form antwortet erst postmoderne Verweigerung, "um das Gefühl zu schärfen, dass es ein Undarstellbares gibt".

Herbert Brandl behandelt das Erhabene in all seinen Schattierungen. Die als Teil 1 der ab Juni weiterzuführenden Retrospektive der Neuen Galerie Graz gezeigten Bergbilder des Hobbyalpinisten setzen weiterhin auf mathematische Erhabenheit. Sie beeindrucken zuvörderst durch ihre Größe, welche ausstellungstechnisch die Bespielung des Künstlerhauses notwendig machte. Ins Ambiente des Galerieraums versetzt, berauschen die gewaltigen Formate und zeichnen so auf direktem Weg eine heroisierende Sicht der getreu verfolgten Naturvorbilder nach, die andernorts kaum noch ohne alpensymphonische Klangunterfütterung zu bewerkstelligen ist. Im mutigen Aufbrechen der üblichen Begrenzungsmaximen wird Brandls Malmaterial, allen Undarstellbarkeitserwägungen zum Trotz, selbst naturabbildend, Darstellung und Dargestelltes somit unmittelbar zusammengeführt: Hier ereignen sich tektonische Verwerfungen als gespachtelte Farbmassen, Nebellöcher klaffen da zwischen als flächig verwischten Zonen, ein Schneesturm braust in getropfter Farbe, Felder hochalpinen Firns entpuppen sich als freigelassene Leinwandflächen.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8. 3. 2002)

Von
Ulrich Tragatschnig


WEB-TIPPS:

herbertbrandl.at

Brandl @ Neue Galerie

Bis 26. 3.
  • Artikelbild
    foto: herbertbrandl.at
Share if you care.