Ausflug in die Wiener Anatomie

7. März 2002, 21:20
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Medizinstudium anno 1945/46: die 15. Unglaubwürdige Reise

Unglaubwürdige Reisen - diesmal in das Wintersemester 1945/46, in die hellen Seziersäle der Wiener Anatomie: Sie wirkten fürs Erste großzügig und weiträumig und gaben eine nicht übertriebene Hoffnung, eine eben zurückliegende ganz andere Erfahrung der wienerischen Anatomie ("unfassbare Gewissheit", wie diese Vernichtung Manès Sperber nennt) aus dem Kopf zu bekommen.

Der Kampf um Studiengebühren war noch nicht absehbar, eher der um die ersten Präparate. Viel wurde den Anfängern noch nicht zugemutet: Ich erinnere mich an Unterarme, davon gab es genug, die lagen in Wien herum. Der Demonstrator ging die Seziertische entlang, sah skeptisch darüber hinweg und sagte kein aufmunterndes Wort, nur seine abschätzigen Bemerkungen hielten, was er keinem versprach. Das verhalf selbst den oft primitiven unter seinen Studenten zu einer flüchtigen Unsicherheit: Sie waren ja großteils aus Familien, die etabliert waren, und welche hatten sich denn in den Jahren davor etabliert und welche nicht?

Sie benahmen sich mit wenigen glücklichen Ausnahmen eher wie eine Stammtischrunde. Die Seziertische mit den stillen Gliedmaßen und selbst die fehlenden Unterarme wirkten dagegen überlegen, fast distanziert.

Verließ man die Anatomie, bog um die Ecke und suchte nach einer Zigarette, so lag die Währinger Straße blank und still unter dem Himmel des 18. Bezirks, dem man eher traute als dem restlichen Wiener Himmel. Sigmund Freud war längst aus der steilen und auf den ersten Blick fast schnurgeraden Berggasse geflohen.

Einzelne Lichtblicke gab es auch damals und auch für den, der keinen Zugang zu den Zelebritäten der Zeit hatte oder haben wollte: Die Währinger Straße hinauf tauchte der Gertrudplatz auf, rechts die stille Edelhofgasse, links die Maynollogasse, die fast niemand kennt. Dort kamen wir, nach einigen vergeblichen Versuchen, die Wiener Behörden zu einem Ersatz für die 1938 geraubte Wohnung zu bewegen, in einer Eineinhalb-Zimmer-Wohnung unter. Sie lag nahe der Berggasse und nahe der Anatomie. Und bleibt für mich bis heute eine der glaubwürdigsten Adressen.

Die Eltern einer Kollegin - keiner medizinischen und noch weniger einer literarischen, sondern einer mit mir zwangsverpflichteten - hatten uns aufgenommen. Die Mutter hatte mich schon vor dem Kriegsende davon überzeugt, dass es nicht nur Tee, Schokolade und den britischen Militärzensor (sie hörte "Feindsender") gab, sondern eine Form des Zivilen und der Courage - zwei Wörter, die heute leider oft zusammengenommen werden, sodass man kaum mehr erkennt, was jedes für sich und beide in einem schließt. Und denjenigen ziemlich konsequent ausschließt, dem es darauf ankäme. In diesem Fall war es vor allem die Mutter der Kollegin, das neunte oder elfte Kind eines Schusters aus Hernals.

Schuster haben mich nicht erst seit H. C. Artmann und dem kommunistischen Schuster im frühesten Wiener Haus, in der Hohlweggasse, ermutigt: Sie blieben alle bei ihren Leisten, ohne sich über einen Leisten biegen zu lassen.

Sobald ich von der kleinen Wohnung in die Anatomie, später noch in die Histologie, Chemie und die damals noch skurrile, weil ganz primitive Physik geriet, wuchs nicht nur der Mut für die Betrachtung abgetrennter Unterarme, sondern auch der Wunsch, Wiener Gespräche so wörtlich und so ernst wie möglich zu nehmen. Geblieben ist die Neugier, die Lust an anderen Existenzformen, die täglich jeden Augenblick wieder so unglaubwürdig wie möglich machen.

Die nächste Reise wird nächsten Freitag angetreten.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8. 3. 2002)
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