Klingendes Reisegepäck

7. März 2002, 20:38
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Die Philharmoniker unter Bernhard Haitink

Wien - Wenn der Frühling kommt, hält es einen nur noch schwer zu Hause. Da will man ausschwärmen, hinaus ins Weite. Dieses hormongenerierte Fernweh macht verständlicherweise auch vor den Wiener Philharmonikern nicht halt. Und bevor sie diesmal mit Bernhard Haitink an der Spitze zu ihrer Amerika-Tournee abheben, erlaubten sie dem Wiener Musikvereinspublikum, das Ohr an ihr tönendes Reisegepäck zu legen.

Wenn es nun aus diesem nicht ganz so wohl herausraunte, wie man es von Österreichs Elitebataillon der Orchestermusik erhofft hat, bleibt immerhin die tröstende Perspektive, dass Mozart-, Berg- und Schubert-Interpretationen der Wiener Philharmoniker auch im ungewohnten Outfit vom vergangenen Mittwoch international gefragte Markenartikel sind, die reißenden Absatz finden.

So hat man Wolfgang Amadeus Mozarts Haffner-Symphonie (nicht nur von den Wiener Philharmonikern) schlicht und einfach schon schöner gehört. Munterer, leichter, und vor allem mit Tönen, die nicht nur rein sind, sondern auch Verbindlichkeit und innere Anteilnahme vermitteln.

Ähnliches ist auch über die Wiedergabe von Alban Bergs Drei Orchesterstücken anzumerken, deren wild pulsierendes romantisches Themengeäder mit viel dynamischem Donner, aber merkwürdig starr nachgezeichnet schien.

Der Verdacht, dass diese (gewiss nicht ganz reizlose) Verfremdung auf die gestalterischen Intentionen Bernhard Haitinks zurückgehen könnte, wurde im Verlauf von Franz Schuberts Großer C-Dur-Symphonie auch für den Schwersthörigen zur unwiderlegbaren Gewissheit. Mit perfekt wie mit dem Studioregler gestalteten dynamischen Steigerungen, streng und flink metronomisiert, wurde diesem bilderreichen Epos die Romantik so weit ausgetrieben, dass es im nobel klassischen Schwarz-Weiß beinah wie ein unbekannter Beethoven klang.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8. 3. 2002)

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