Vollmilchschmarren und eine gute Suppe

7. März 2002, 20:35
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"Lenz" und "Hans und Hanni" im Theater Gruppe 80

Wien - Von dem todunglücklichen Goethe-Zeitgenossen Jakob Michael Reinhold Lenz heißt es, dass er während seines Fußmarsches durch das erkaltete Gebirge auf dem Kopf hätte gehen mögen. "Der Wahnsinn" sei dem Lenz "auf Rossen hinterhergejagt", wie es Büchner in seiner unvollendeten Erzählung Lenz schaumperlend beschrieb.

Dieses ärztlich wohl stichhaltige Attest wurde aus Büchners papierenem Nachlass 1839 unvollendet herausgeklaubt, und doch ermangelt er keines Fünkchen Gluts: Niemals wieder ging ein zerfallendes Bewusstsein unter der Hut eines Pfarrhofs gefasster und klarer zugrunde.

Der geistig zerrüttete Lenz starb anno 1792 verwahrlost in Moskau. Büchner, der über das Nervensystem der Fische in Zürich promoviert hatte, machte sich auch gleich über das Nervensystem des armen Lenz her: Lenz (Thomas Seiwald) ist ein zitternder Storch.

Ohrwärmer für Lenz

Er hat im Theater Gruppe 80 ein Paar Ohrwärmer übergestülpt. Er schwitzt Gebirgswasser, und er stakst zum Klingelzug des Pfarrers: ein spinnbeiniger Schreck, der die Natur in sich mit der Welt da draußen zusammennagelt. Die Oberlins schlürfen derweil die gute Suppe: eine reformprotestantische Provinzehehölle, während der Herr Gemeindepfarrer ein paar Erbauungsgedanken in das Predigtenbuch niederlegt.

Oberlin öffnet die unsichtbare Tür, und die Klingelschnur fällt mit einigen Flocken Schnees vom Himmel herab. Der Herr Pastor mit dem Wattebauch hat das Phlegma und die Brillengläser eines kantonalen Insektenforschers; seine Frau (Katrin Thurm) die verzweifelt verkniffene Bleichsucht der lebenslangen Dienstmagd.

Oberlin taxiert den freundlichen Wahnsinn seines seltsamen Gastes mit verlegener Gebärde, indem er nach der Taschenuhr fischt: Denn aus lauter liebenden Handreichungen besteht Stefan Webers wunderbare Inszenierung der Lenz-Einrichtung von Jürg Amann. Eine milde Sterbenssternstunde.
Weil sich aber das Theater Gruppe 80 mit dem Gelingen nicht bescheiden mag, hat es die Uraufführung von Josef Riesers Bergbauernkinderdrama Hans und Hanni an den Anfang gestellt.

Rieser gehört zur Zunft der Herrgottsschnitzer: ein Vanitas-Sänger, der die Welt von der Küchenbank aus ins Auge fasst. Ein Wälsungenpaar schleppt sich am Sarg der guten, nur schon leider schwer in Verwesung begriffenen Mutter ab. Das sakrische Mädchen schwatzt Sätze mit der Inbrunst einer Försterliesel (Gabriela Hütter); der vierschrötige Bruder (Alfred Schedl) hält eine brodelnde Hirnwut unter der Tellermütze verborgen. Ehe nun Gevatter Hein kommt, um mit der Mistgabel zuzustechen - hält schon Morpheus den Besucher selig umschlungen. Helga Illich hat diesen Vollmilchschmarren inszeniert.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8. 3. 2002)

Von
Ronald Pohl

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