Mühsame Frauenbefreiung

7. März 2002, 17:30
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Gewalt in der Familie behindert Chinas Reformbestrebungen

Schanghai - An Jiahe sieht keinen Ausweg mehr. Grundlose Eifersucht hat aus ihm einen gewalttätigen Ehemann gemacht, der seine Frau grün und blau prügelt. Einen Nachbarn, der Fotos davon gemacht hatte und An zu erpressen versuchte, hat er umgebracht.

Nun steht er seinem eigenen Bruder - einem Polizeibeamten - gegenüber; und seiner doch so geliebten Frau, die vor seiner Brutalität geflohen ist. Sein Leben ist ein Albtraum geworden. An Jiahe richtet sein Gewehr gegen sich selbst und drückt ab.

An Jiahe starb nur als Rollenfigur in einem Fernsehfilm mit dem Titel "Sprich nicht mit Fremden". Doch die im Dezember des Vorjahrs ausgestrahlte TV-Tragödie führte Millionen von Zuschauern erstmals ein Problem vor Augen, das in China immer drängender wird: häusliche Gewalt, vor allem gegen Frauen.

Schamhaft schweigen

"Die gibt es in China schon lange, aber erst jetzt sprechen betroffene Frauen darüber", sagt Chen Lanyan, zuständig für Gender-Fragen im Pekinger Büro von Unifem (United Nations Development Fund for Women), dem Frauen- Entwicklungsfonds der Vereinten Nationen.

In 30 Prozent der 270 Millionen Familien, die in China leben, kommt häusliche Gewalt vor, stellt eine Studie des nationalen Frauenverbands fest. Doch die wirkliche Zahl schätzen Soziologen viel höher. Zwar bietet ein dichter werdendes Netz von Organisationen Beratungsstellen, Internetseiten oder telefonische Notrufnummern an. Aber für Bäuerinnen in der Provinz ist solche Hilfe kaum erreichbar. In einer Gesellschaft, in der familiäre Angelegenheiten nicht nach außen getragen werden, lässt zudem die Angst vor dem eigenen Gesichtsverlust viele körperlich oder seelisch misshandelte Ehefrauen schamhaft schweigen.

Lücken im Gesetz

Im vergangenen Jahr hat Chinas Nationaler Volkskongress eine Revision des Ehegesetzes von 1980 verabschiedet. Zwanzig Jahre wirtschaftlicher Reformen hatten auch die sozialen Strukturen so gravierend verändert, dass der Gesetzgeber handeln musste. Die Begriffe Ehebruch und häusliche Gewalt wurden schärfer definiert.

"Das neue Ehegesetz hat vieles verbessert", meint Chen von Unifem. Doch gerade beim Schutz der Opfer gibt es noch Lücken. So fehlen klare Regeln, wann die Polizei eingreifen soll, wenn die Frauen nicht von sich aus Hilfe suchen. In mehr als 20 Städten und Provinzen gibt es schon weitere Bestimmungen, um solche Löcher im Gesetz zu schließen.

Aber die Justiz allein kann das Problem nicht lösen. Gefordert ist auch die Sozialpolitik. Frauen sind die Verliererinnen von Chinas Reformkurs und werden, so meint Chen, diskriminiert und außer Acht gelassen.

Abhängigkeiten

Arbeitslosigkeit und wirtschaftliche Abhängigkeit vom Mann schaffen ein ideales Milieu für die häusliche Gewalt. Wenn der Ehemann auch noch seinen Arbeitsplatz verliert und damit den angestammten Status als Familienernährer, verschärft sich die Situation.

Grundlegend im Kampf gegen Gewalt an Frauen ist aber vor allem, dass die seit Konfuzius traditionellen und trotz Maos Kulturrevolution noch immer aktuellen Auffassungen von der Stellung der Frau geändert werden. Konfuzius lehrte vor rund 2500 Jahren, die Frau habe dem Vater, dem Gatten und dem Bruder zu gehorchen.

Beständige Tabus

Offen ist noch, wie schnell dabei die Tabus gebrochen werden können und dürfen. Ein US-amerikanisch-chinesisches Ensemble las kürzlich in Schanghai die "Vagina-Monologe" der US-Autorin Eve Ensler als Benefiz-Veranstaltung zugunsten einer chinesischen Hilfsorganisation für Opfer häuslicher Gewalt.

Um mit dem Stück über weibliche Erfahrungen mit Lust und Gewalt keinen Anstoß bei den amtlichen Sittenwächtern zu erregen, war die englischsprachige China- Premiere vor 300 Zuschauern eine "private Lesung" - denn die musste nicht behördlich genehmigt werden. (dpa)
(DER STANDARD, Printausgabe, 8.3.2002)

Gewalt in der Familie - meist gegen Frauen - ist ein Problem, das China in seinen Reformbestrebungen extrem behindert. Neue Gesetze richten vorerst wenig aus gegen die seit Jahrtausenden geübte Herrschaftshaltung der Männer.
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