"Italienisch für Anfänger": Drei Todesfälle und ein Sprachkurs

30. Juli 2004, 13:27
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Lone Scherfings "Italienisch für Anfänger" bringt unbeschwerte Stimmungen und stille Tragikomik

Auch der fünfte dänische Dogma-Film thematisiert Familiengeschichten und Formen von Gruppentherapie. Regisseurin Lone Scherfing setzt dabei aber mehr auf unbeschwerte Stimmungen und eine stille Tragikomik.


Keine Dreharbeiten in Studios. Handkamera. Keine Nachbearbeitungen von Bild und O-Ton. Beschränkung auf den Alltag der Gegenwart. Keine Genrefilme wie Thriller oder Komödien: Die im Umfeld des dänischen Regisseurs Lars von Trier entstandene Dogma-Bewegung wurde lange Zeit nur auf der Basis formaler Selbstbeschränkungen wahrgenommen, heftig diskutiert - und auch imitiert: Mittlerweile gibt es nervöse, billig produzierte (und oft auch konzipierte) Videofilme für die Großleinwand bis zum Überdruss.

In Dänemark selbst hingegen scheint sich das Dogma-Kino zunehmend selbstsicher in Richtung abgeklärter Leichtigkeit und Präzision zu entwickeln. Italienisch für Anfänger, inszeniert und geschrieben von der ersten weiblichen Dogma-Aktivistin Lone Scherfing, verbindet improvisiertes Schauspiel und realistische Blicke auf einen Vorort von Kopenhagen zu einem unüblich lichten und überaus melodischen Werk.

Wie schon in Thomas Vinterbergs Festen, von Triers Idioten oder Sören Kragh-Jacobsens Mifune geht es um Familienschicksale und um gruppentherapeutische Bewältigung von Neurosen, Beschädigungen und Konflikten. Im proletarischen Milieu, das sich hier rund um einen Italienisch-Sprachkurs kaleidoskopartig erschließt, ist man aber selbstverständlich ungleich weniger kopflastig unterwegs - was interessanterweise über weite Strecken bessere Dialoge ergibt.

Es scheitert also ein junger Pastor an seinen ersten Predigten vor arg dezimierter Kirchengemeinde. Ein schüchterner Portier durchlebt die wohl charmanteste, weil am wenigsten artikulierte Verliebtheit, die man zuletzt im Kino sah. Ein Exfußballer und Exgastwirt (Lars Kaalund) legt die von ihm geleiteten Sprachlektionen wie ein Sporttrainer an. Dazu kommen eine Friseuse samt alkoholkranker Mutter oder eine wahre Sturzpilotin von Bäckereiaushilfe. Drei Todesfälle. Tollkühne Irrungen.

Während konventionelle Filmdramaturgien aus derartigen Personenkonstellationen ganz gerne eine Freak-show machen, stolpert Scherfings Dogma-Blick gleichsam mit den Charakteren mit: Anschlussfehler begleiten auch filmisch die erzählten Kontaktschwierigkeiten. Wie in Filmen von Mike Leigh haben sich die Akteure die Rollen so sehr selbst erarbeitet, dass sie sie nie und nimmer verraten bzw. der Lächerlichkeit preisgeben würden. Was sie preisgeben, ist ein unverstellter Blick auf menschliche Würde.

Wie formulierte es Lone Scherfing in einem Statement zu ihrem Film: "Das Keuschheitsgelübde erlaubt einem alles, außer keusch zu sein: Wenn man den technischen Panzer ablegt und den Schleier der Ästhetik fallen lässt, könnte man vor Scham wie gelähmt sein - aber es ist die Scham, die wie gelähmt ist."

In diesem Sinne vervollständigt Italienisch für Anfänger die Dogma-Filmreihe weiter zu einem großen Entwurf der zeitgenössischen Gesellschaft. Nicht schamlos, aber ohne falschen Genierer: Die menschliche Komödie des Alltags (und das gilt nicht nur für Dänemark) - hier wird sie weitergeschrieben.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8. 3. 2002)

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