"Servas, Paradies - wie geht's dir?"

8. März 2002, 17:19
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"der wackelatlas": H. C. Artmann im Gespräch

"Bist du charmant?" - "Hängt von meinem Gegenüber ab", antwortet H. C. Artmann im einstündigen Porträt der wackelatlas, das in seinen letzten Lebenswochen die Tochter Emily Artmann und die Nichte Katharina Copony in seiner Wiener Wohnung drehten.

Das Auffällige daran ist die Unauffälligkeit, das Unprätentiöse. In früheren Fernsehporträts musste Artmann immer alles Mögliche machen: auf dem Motorrad sitzen, in der Küche stehen, auf Reisen sein. Die Tochter aber zwingt ihm nichts mehr ab. Sie könnte es auch nicht, denn Artmann ist todkrank, aber sie würde es auch nicht, denn sie weiß: Er braucht nur auf einem Fauteuil vor der weißen Wand zu sitzen und "sein".

Die Fragen sind keine persönlichen, sondern - was für den Dichter freilich das Persönlichste ist - Fragen nach der Kunst. Nein, ein Gedicht würde er nie mit einer Frage beenden, "das wäre mir zu moralisch. Ich suche das Zeigefingerlose". Und: "Ich habe gern kompakte Wörter, die man anfassen kann: Eis, Hammer, keine Abstrakta. Thematisch sind meine Gedichte ja altmodisch; sprachlich nicht. Ich bin da in entlegene Gefilde gekommen, Mittelalter, Barock. Ursprünglich habe ich nur Spanisch gelesen, die Möglichkeiten, die eine andere Sprache bietet, sind bei mir eingeflossen. Das sind meine Entdeckungen, meine Abenteuer." In zärtlicher Distanz wie die Fragen sind auch die Einstellungen: Sie zeigen das wache und seine Liebsten suchende Gesicht vor kahler Wand, im Hintergrund die verschieden weit geöffnete Badezimmertür. Getrennt werden die Sequenzen durch Gedichteinblendungen. Ob er am Beginn des Schreibens ein "Skelett" der Arbeit vor sich sehe? - "Am Beginn des Schreibens ist die absolute Stille."

Kein Selbstdarsteller

H. C. Artmann war auch in früheren Interviews nie ein Selbstdarsteller (wie Thomas Bernhard), in diesem späten aber entstehen, gerade durch die große Zurücknahme der eigenen Person, ungemein literarische Momente, die weniger gesprochen als geschrieben klingen, aphoristisch. Im kleinen, kahlen Raum, der hier auch schon ein Todesraum ist, die Frage zu stellen: "Was ist für dich Schweden?", zeigt innere Nähe. Artmanns Antwort gibt diese seiner Tochter zurück: "Schweden riecht nach frischem Kuchen und Kaffee."

Und zuletzt: "Ich glaub', man hängt am Leben nur, weil es besser sein könnt'. Wenn es woanders besser wäre, wär' ich eh schon dort. In Avalon. Und würde fragen: Servas Paradies, wie geht's dir?"
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18. 10. 2001)

Von
Richard Reichensperger


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