Transformationen, Erinnerungsbilder

18. März 2002, 10:42
posten

"a lucia", "Dream Work", "Sea Concrete Human", "K.aF.ka- Fragment"

Eine Reihe von neuen österreichischen (Kurz-)Filmen, die sich die Ambivalenz filmischer Bilder produktiv zu Nutze machen.


Eine Frau legt sich schlafen und beginnt zu träumen: Dream Work heißt der Abschluss von Peter Tscherkasskys Cinemascope Trilogy. Wie in seiner letzten Arbeit Outer Space liefert der Horrorfilm The Entity die materielle Grundlage für Tscherkasskys furiose Bildarrangements, die eine tickende, knarzende Soundcollage begleitet.

In komplizierten Mehrfachüberlagerungen wird die ganze Fläche der Leinwand bespielt, als Traumbilder kehren diesmal die mysteriösen Attacken auf eine junge Frau wieder, und gegen Ende wird der Filmstreifen selbst gewissermaßen von diesem Sog erfasst, dreht und windet sich in einem spiralförmigen Tanz.

Eine ganz andere Form der "Materialbearbeitung" beziehungsweise Bedeutungsverschiebung unternimmt Michael Palm - bisher vor allem als Filmkomponist, Sounddesigner und Cutter tätig, etwa bei Johannes Holzhausens Auf allen Meeren - in seinem eigenwilligen Sciencefiction-Film Sea Concrete Human:

Der Film besteht aus Aufnahmen einer menschenleeren Küstenlandschaft. Der Verfremdungseffekt, die geheimnisvolle, irritierende Atmosphäre entstehen über minimale Nachbearbeitungen - Zooms, in denen sich das Bild flirrend auflöst, kleine "Materialschäden" - und vor allem über die Tonspur: Die Bilder, so erfährt man von einer blechernen Frauenstimme, sind ein "audiovisuelles Gedächtnis", die letzten Zeugnisse menschlichen Lebens auf der Erde, Tagebuchaufzeichnungen einer Meteorologin, die nach dem Eintritt von "eventide" als letzte Überlebende Daten sammelt, Berechnungen anstellt und selbst nur noch schemenhaft im Bild auftaucht.

Sea Concrete Human ist der erste Beitrag der in Arbeit befindlichen Reihe malfunctions der Wiener Hammelfilm. Die Produktionsfirma des Kameramanns Johannes Hammel zeichnet auch für K.aF.ka-Fragment von Christian Frosch mitverantwortlich: Der Film basiert auf Franz Kafkas Briefen an Felice, die im Film als Off-Kommentar eingearbeitet sind.

Die Bildebene besteht zum Teil aus surrealen Szenen, in denen Lars Rudolph als Franz K. und Ursula Ofner als angebetete Felice einander angespannte Machtkämpfe liefern. An anderen Stellen wird mit mehr Zurückhaltung ein stimmigerer Effekt erzielt - wenn etwa das Moment der insistierenden Wiederholungen auf der Textebene, das manische Schreiben in kleine, ruckelige Wiederholungsschleifen überführt wird.

Foto: Viennale
"a lucia"

Nochmaliger Szenenwechsel: eine Landschaft, die sich langsam aufhellt. Auch in a lucia von Julia Lazarus und Ben Pointeker werden Bilder - großteils weite Landschaftsräume - allmählich atmosphärisch aufgeladen, auch hier tauchen menschliche Akteure nur in kurzen Fragmenten auf - wie Spuren einer (Film-)- Erzählung, die in einem kleinen Drama kulminiert. A lucia weckt Erinnerungen an andere Filme, an Gemälde, alte Landschaftsfotografien. Und verweist zugleich auch darauf, wie vielen Bedeutungen Filmbilder offen stehen.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9. 10. 2001)

 Von
 Isabella Reicher



Anm.: Der Artikel entstand anläßlich der "Viennale 2001"

"a lucia" + "Dream Work"
Kino im Augarten
Mi. 20. 3., 16:00
Fr. 22. 3., 18:30

"Sea Concrete Human"
Schubert Kino 1
Di. 19. 3., 23:00
Fr. 22. 3., 20:30

"K.aF.ka- Fragment"
Rechbauerkino
Mi. 20.3., 18:00
Fr. 22. 3., 20:30
Share if you care.