Drei Geschäfte und ein Postamt

8. März 2002, 15:31
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"Das ist alles": Annäherungen an die Bewohner eines russischen Dorfes

Der Satz fällt häufig in den Erzählungen der Bewohnerinnen und Bewohner von Jasnaja Poljana: "Das ist alles". Meist beschließen sie damit ihre Ausführungen, und in der lapidaren Redewendung drückt sich weniger der Umstand aus, dass sie nichts zu erzählen hätten, als vielmehr die Einschätzung, dass das doch gar nichts Besonderes sei, was sie aus ihrem Leben zu berichten haben.

Das ist alles, der Dokumentarfilm von Tizza Covi und Martin Frimmel (Aufzeichnungen aus dem Tiefparterre), ihre erste Langfilm-Arbeit, besteht großteils aus langen, ungeschnittenen Einstellungen ohne Kamerabewegung. Manche Aufnahmen wirken wie altmodische Fotografenporträts - wohl auch deshalb, weil die Porträtierten angesichts der Aufnahmesituation eine entsprechende Ernsthaftigkeit und vorsichtige Zurückhaltung an den Tag legen.

Zwischen die Gespräche sind weitläufige Ansichten des Ortes und seiner Umgebung montiert. Es gibt keinen Kommentar, keine Off-Musik und keine direkten Interventionen der Filmemacher.

Hauptsächlich aus den Berichten entsteht langsam ein - vielleicht etwas zu fragmentarischer und zu implizit gehaltener - Eindruck vom Alltag und von den Arbeitsabläufen, die ihn prägen. Von der Geschichte des Dorfes und von den Wanderbewegungen innerhalb der ehemaligen Sowjetunion und der Besiedelungspolitik der letzten Jahrzehnte:

Zum einen ist Jasnaja Poljana als Standort des 1732 gegründeten Pferdegestüts Trakehnen berühmt geworden. Viele der älteren Bewohner wurden nach dem Zweiten Weltkrieg hier angesiedelt. In den vergangenen zehn Jahren sind viele Kasachen zugewandert, aber auch Armenier aus Aserbeidschan oder das deutschstämmige Ehepaar Deis mit seinen drei Töchtern, von denen inzwischen zwei - zum Bedauern der Mutter - russische Ehemänner haben.

Vor allem die Auftritte von Herrn Deis, der mit Hingabe die diversen Pflanzen und Unkräuter auf seinem Acker erklärt und dem fast die Tränen kommen, wenn er von der Zerstörung des Ökosystems an seinem ehemaligen Wohnort in Sibirien erzählt, gehören zu den Glücksmomenten dieses Films.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30. 10. 2001)

Von
Isabella Reicher


Rechbauerkino

Do. 21. 3., 18:00
Sa. 23. 3., 14:30
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    foto: viennale
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