Die Ziellosigkeit der Marder

30. Dezember 2001, 23:29
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Schnellschuss ins Leere: Franz Novotnys B-Picture "Nachtfalter"

Wien - Gleich zu Beginn klärt ein Schulfunksprecher im Off über das anarchische Potenzial von Mardern auf. Und während eines dieser Raubtierchen sich bereits an Autoleitungen zu schaffen macht, ist klar: Mit Nachtfalter strebt Österreichs unberechenbarster Spielfilmregisseur Franz Novotny (Staatsoperette, Exit, Die Ausgesperrten) selbst gewissermaßen einen wendigen, systemerhaltende Leitungen kappenden Marder-Film an.

Mit nervöser Handkamera, die irgendwo zwischen Dogma und MTV das Beste aus Low-Budget-Bedingungen herausholt, und in nur 78 B-Picture-Minuten lässt er das heimische gelackte TV-Kino behende hinter sich - nicht zuletzt weil dieses TV-Kino mit einer Geschichte, wie sie Novotny hier erzählt, nichts anfangen kann. In Kürze: Eine Luxusprostituierte (Eva Lorenz) verirrt sich zwischen Drogen und diversen Rollenspielen, um schließlich auf Pfaden, die ein Dreigroschenreißer imaginiert haben könnte, Unabhängigkeit zu erlangen.

Dass Franz Novotny für die Realisierung dieses "Schnellschusses" praktisch ebenso lang gebraucht hat wie für eine konventionelle Produktion, ist nur einer der vielen Anachronismen, mit denen Nachtfalter aufwartet. Und dass dieser Film, der mitunter ganz schlüssig an die Extravaganzen, Auflehnungsgebärden und Maskeraden in Novotnys bisherigem Werk anschließt, wie ein Softporno vermarktet wird, mag man noch der liebenswerten Renitenz des Filmemachers zugute halten.

Irgendwie geht sich das ganze Unternehmen letztlich aber nicht aus. Marder sind ja eher intuitive Kreaturen; sie kappen Leitungen ohne Sinn und Ziel. Und so huscht auch Nachtfalter nur von einem Effekt zum nächsten, während das Schauspielerensemble lediglich die Präsenz einer grellen Komparserie hat, in der selbst der sonst so grandiose Hanno Pöschl etwas verloren herumknurrt.

Dem könnte man entgegenhalten, dass Novotny immer comic- oder holzschnittartige Antipsychologie betrieben hat. Aber selten hatte sein unbestrittenes Talent für Bildfindungen - hier: exzellente Stadtaufnahmen - eine derart dünne Vorlage. Mit Elfriede Jelinek (Die Ausgesperrten) und Gustav Ernst (Exit) kann er als sein eigener Drehbuchautor nicht mithalten.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20. 6. 2001)

Von
Claus Philipp

"Nachtfalter"
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Filmcasino
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    foto: filmcasino
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