Die Wirklichkeit der vielen Stimmen

8. März 2002, 13:47
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"Das weiße Rauschen", ein sehenswert intensives Debüt des Vorarlberger Regisseurs Hans Weingartner

Wien - Lukas (Daniel Brühl) betritt den Film als aufgeweckter, manchmal ein wenig verloren wirkender junger Mann. Er kommt vom Dorf in die Stadt, seine Schwester Kati (Annabelle Lachatte) kommt ein bisschen zu spät zum Bahnhof, um ihn abzuholen. Eine kleine Verunsicherung nur, die aber bereits eine eigenartig labile Grundstimmung schafft.

Wie kann man Innenleben sichtbar machen? Wie fühlt es sich an, wenn die Grenzen zwischen Innen und Außen verschwimmen und Trugbilder reale Dimensionen und Gewicht bekommen? Das Kino hat viele Bilder, Verfahren und Effekte erfunden, um (Alb-)Träume oder Halluzinationen visuell umzusetzen, und sich dabei nicht selten nah am Klischee bewegt. Das weiße Rauschen von Hans Weingartner dagegen erzählt die Geschichte vom langsamen Hinüberdriften in einen anderen Zustand vor allem anhand von Konfrontationen mit der Außenwelt.

Stimmen, Unruhe, Isolation

Nur punktuell wechselt der Film die Erzählperspektive, macht hörbar, was sich im Kopf von Lukas abspielt, aber die Montage der vielen Stimmen, die unaufhörlich auf ihn einreden, ihm Bedrohungen vorgaukeln und ihn in die Isolation treiben, wirkt fast ein wenig zu deutlich. Die Unruhe, die den Helden zuvor bereits erfasst hat, wird alleine von seinem großartigen Darsteller schon auf mitreißende Weise verkörpert:

Unvorhersehbar und für seine Umwelt völlig unverständlich, rastet Lukas aus, bringt seine Wahrnehmung nicht mehr in Einklang mit den Gegebenheiten, reagiert scheinbar unverhältnismäßig heftig auf kleine Missgeschicke des Alltags, auf sanften Widerspruch oder unerwartete Stresssituationen.

Die Missinterpretation, das Verkennen der Realität ist nach beiden Seiten wirksam, die fließenden Übergänge zwischen "normal" und krankhaft sind hier programmatisch: Auch Kati und ihr Freund (Patrick Joswig) begreifen erst allmählich, dass das eigenartige Verhalten ihres neuen Mitbewohners, sein Rückzug und seine Übergriffe nicht die späten Folgen eines schlechten Trips sind. Ein Arzt fügt die Symptome schließlich zu einem Krankheitsbild und gibt ihm einen Namen: Schizophrenie. Und der Patient wird mit einem Magazin voller Tabletten bald wieder entlassen.

Low Budget

Der Regisseur, gebürtiger Vorarlberger und Absolvent der Kunsthochschule für Medien in Köln, wurde im vergangenen Jahr für sein bemerkenswertes Spielfilmdebüt unter anderem mit dem Max-Ophüls-Preis ausgezeichnet. Das weiße Rauschen ist eine Low-Budget-Produktion, mit DV-Kameras gedreht.

Die grobe Textur der Bilder, die dynamische Kameraarbeit im Zusammenspiel mit den Akteuren, immer ganz nah an den Gesichtern, den Körpern, mittendrin im Geschehen, erzeugen eine Intensität, die man im Kino nicht so häufig findet.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4. 3. 2002)

Von
Isabella Reicher


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