Abnehmen per Antidepressivum?

7. März 2002, 23:47
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Sibutramin für Fettsüchtige und Menschen mit Heißhungerattacken eingesetzt - Wirkung ist umstritten

Wien - Ursprünglich sollte die Substanz Sibutramin ein Antidepressivum werden. Doch sie wirkte nicht stark genug. Da stellte sich heraus, dass Behandelte zum Abnehmen neigten. Seit Mai 2001 gibt es auch in Österreich das Arzneimittel, das vom Psycho-Medikament zur Hilfe für Fettsüchtige und Menschen mit Heißhungerattacken "mutierte" - und jetzt in Italien vorsorglich vom Markt genommen wurde.

Fettaufnahme im Darm unterbunden

Nach der Substanz Orlistat ("Xenical"), welche die Aufnahme von Fett aus dem Darm um ein Drittel verringert, stand ab vergangenem Jahr auch in Österreich der Wirkstoff Sibutramin ("Reductil") zur zusätzlichen medikamentösen Behandlung von schwerem Übergewicht zur Verfügung. Das Arzneimittel hemmt im Gehirn die Wiederaufnahme der Nerven-Botenstoffe Serotonin und Noradrenalin aus dem "Spalt" zwischen Nervenzellen.

Schnelleres Sättigungsgefühl

Dieses Prinzip steckt hinter den meisten modernen Antidepressiva. Aus nicht ganz geklärtem Grund liegt der Haupteffekt der Substanz aber in der schnelleren Verursachung eines Sättigungsgefühls beim Essen und in der Dämpfung von Heißhungerattacken (Binge Eating).

Die Hauptresultate von klinischen Studien: Bei zusätzlicher Therapie mit Sibutramin - kombiniert mit Ernährungs- und Bewegungsprogrammen - erreichten drei bis fünf Mal mehr fettsüchtige Testpersonen ihr Zielgewicht. Sie behielten es auch länger. Mehr als 90 Prozent nahmen mindestens fünf Prozent des Ausgangsgewichts ab. 60 Prozent verloren sogar mehr als zehn Prozent ihres ursprünglichen Körpergewichts.

Gewichtsreduktion senkt Sterberisiko

Eine solche Gewichtsreduktion kann große gesundheitliche Vorteile bringen. Univ.-Prof. Dr. Bernhard Ludvik, Präsident der Österreichischen Adipositas Gesellschaft, erklärte bei der Vorstellung des Medikaments: "Fünf bis zehn Prozent Gewichtsabnahme senken das Sterberisiko in Folge von Herz-Kreislauferkrankungen um neun Prozent, die Gesamtmortalität um 20 Prozent, die Sterblichkeit durch Krebs um 37 Prozent und jene durch Diabetes um 44 Prozent."

Skepsis

Das Arzneimittel sollte - so die Aussagen bei der Präsentation im Mai vergangenen Jahres - kaum Nebenwirkungen haben. Doch Österreichs Diabetologie- und Obesitas-Doyen Univ.-Prof. Dr. Karl Irsigler hatte sich schon im Jänner 1999 zu Sibutramin ausgesprochen skeptisch geäußert: "Ich bin sehr reserviert. Ich warte, dass die Wirkung wahrscheinlich wie bei allen zentral wirksamen Mitteln dieser Art, sehr rasch, also binnen einiger Monate, wieder verschwinden wird." Außerdem würden ihn die bis dahin gemachten Erfahrungen mit ähnlichen Medikamenten "eher skeptisch" machen.

Sibutramin steht in Österreich speziell ab einem Body-Mass-Index von mehr als 30 (BMI: Körpergewicht in Kilogramm durch Körpergröße in Meter zum Quadrat) in medikamentösen Behandlung der Fettsucht durch den Arzt (Rezeptpflicht) zur Verfügung. Zusätzlich gibt es Beratungsprogramme. (APA)

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