Ein Jahr Sharon: Chronik eines Scheiterns

7. März 2002, 15:32
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Politik der militärischen Eskalation rief nur immer mehr Gewalt hervor

Jerusalem - Als Ariel Sharon vor einem Jahr das Amt als israelischer Ministerpräsident antrat, prophezeiten viele gemäßigte Israelis und ausländische Beobachter einen Krieg im Nahen Osten und das Ende des Friedensprozesses mit den Palästinensern. Andere zogen es vor, sich mit der vagen Hoffnung zu trösten, es werde wohl alles nicht so schlimm kommen und Sharon werde sich, einmal an der Macht, als Realpolitiker erweisen. Heute muss die Welt konstatieren, dass die Pessimisten Recht behalten haben und die schlimmen Voraussagen eingetroffen sind.

An die Macht gespült durch den palästinensischen Aufstand, den er selbst durch seinen provokativen Auftritt auf dem Tempelberg im September 2000 mit hervorgerufen hatte, versprach Scharon seinen verunsicherten Landsleuten mehr Sicherheit und ein Ende des Blutvergießens durch eine Politik der harten Hand gegenüber den Palästinensern. Doch sollte er jemals ernsthaft daran geglaubt haben, den Friedensprozess mit militärischen Mitteln zu retten, so ist er damit gescheitert. Nach einem Jahr Sharon leben die Israelis unsicherer denn je. Die Zahl der bei Gewalttaten ums Leben gekommenen Juden und Palästinenser war noch nie so hoch wie heute. Über 1.000 Palästinenser und mehr als 300 Israelis wurden dabei getötet.

Ein Jahr nach dem 7. März 2001 ziehen Beobachter im Nahen Osten ein bitteres Resumee: Die Hoffnung der Zweckoptimisten auf den "Realpolitiker" Sharon hat getrogen, vermutlich, weil es ihn einfach nicht gibt. Der heute 73-jährige Haudegen und Exoffizier tat nur das, was er von Jugend auf gelernt hatte: Draufhauen. Doch seine Politik der militärischen Eskalation rief auch auf der Gegenseite immer mehr Gewalt hervor. Auf einen palästinensischen Anschlag nach der alttestamentarischen Devise des "Auge um Auge" zu reagieren, führte zu einer Gewaltspirale ohne Ende, weil auf der anderen Seite Männer saßen, die dem nach der gleichen Logik ein "Zahn um Zahn" entgegenschleuderten. So bediente Sharon die Friedensgegner unter den Palästinensern mit Argumenten und sorgte gleichzeitig dafür, dass diese immer mehr Zulauf fanden.

Gleichzeitig übte der israelische Regierungschef immer mehr Druck auf diejenigen in der palästinensischen Führung aus, die trotz täglicher Luftangriffe und Panzervorstöße noch bereit waren, mit Israel über den Frieden zu reden. Den palästinensischen Präsidenten Yasser Arafat behandelt Sharon seit Monaten wie einen Gefangenen und verlangt trotzdem von ihm, hart gegen Militante und "Terroristen" vorzugehen. Gleichzeitig denkt er laut darüber nach, dass man Arafat schon längst besser eliminiert hätte. Dessen Informationaminister Yasser Abed Rabbo zieht denn auch das Fazit: "Diese Regierung (Sharon) ist entschlossen, jede Chance auf Frieden und Hoffnung im Nahen Osten zu töten. Krieg ist das, was diese verbrecherische Regierung erblühen lässt und Frieden wird sie zu Fall bringen."

Selbst Freunde verlieren inzwischen die Geduld mit Sharon und werfen seiner Regierung Konzeptionslosigkeit vor. Auch die USA, die Sharon besonders nach den Terroranschlägen vom 11. September lange Zeit die Stange gehalten haben, kritisieren inzwischen dessen politische, militärische und rhetorische Maßlosigkeit. Verärgert über die "Kriegserklärung" Sharons an die Palästinenser forderte Außenminister Colin Powell diesen am Mittwoch auf, seine Politik gründlich zu überdenken. "Ich glaube nicht, dass es Sie zu irgendetwas führt, wenn Sie den Palästinensern den Krieg erklären und glauben das Problem dadurch lösen zu können, wenn Sie möglichst viele Palästinenser töten", mahnte Powell.(APA/AP)

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