Kein "Ruhmesjahr": 2001 war ein "Krisenjahr"

12. März 2002, 16:28
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Gründe: Medienkonzentration, "Neue Sparsamkeit", "Pseudo- und Kampagnenjournalismus"

2001 war kein "Ruhmesjahr" für den österreichischen Journalismus: Die Bilanz im Bericht zu Lage des Journalismus, den das Institut für Kommunikationswissenschaft an der Uni Salzburg zum sechsten Mal angefertigt hat, fällt insgesamt negativ aus. Die Rahmenbedingungen für journalistische Qualitätssicherung hätten sich verschlechtert. Dazu beigetragen haben unter anderem eine "neue Sparsamkeit", die "fortgesetzte Gefährdung der Pressefreiheit", weitere Medienkonzentration oder der Vormarsch von "Pseudo- und Kampagnenjournalismus".

Wurden schon im Jahr 2000 den heimischen Medien in Sachen Qualität und Qualitätsicherung nicht mit den besten Noten beurteilt, haben sich im Vorjahr einige Tendenzen noch verstärkt, so der Grundtenor des Berichts. Positiv hervorgehoben werden allerdings in Hinblick auf den ORF der Auftrag zu "anspruchsvollem Programm", die Unvereinbarkeitsklausel für Politiker sowie "der Versuch einer besseren gesetzlichen Regelung für die so genannten 'Sonderwerbeformen'". Lobend erwähnt der Bericht auch "die zunehmende Bereitschaft vieler JournalistInnen, sich mit dem Qualitäts-Thema auseinander zu setzen". Dennoch falle die Gesamtbilanz für das Jahr 2001 "insgesamt (wieder) negativ" aus.

"Politik mit dem Rotstift"

"Die Verschlechterung der Wirtschaftslage und die Fortsetzung der 'Politik mit dem Rotstift' hat eine Reihe von Qualitätsmedien in Schwierigkeiten gebracht", heißt es etwa. "Zumindest auf den ersten Blick positiv" sei zwar nach medienwirtschaftlichen Gesichtspunkten betrachtet die im Vorjahr vollzogene Magazinfusion, die negativen Aspekte überwiegen aber laut Bericht bei weitem: Die international einzigartige Konzentration auf dem Tageszeitungsmarkt sei nun auch auf den Magazinsektor ausgeweitet worden. Für den journalistischen Arbeitsmarkt und damit auch für die journalistische Unabhängigkeit sei diese Entwicklung "mehr als Besorgnis erregend". Mit der Grazer "Neuen Zeit" sei ein weiterer Print-Titel vom Markt verschwunden, und das neue Privatradiogesetz fördere Konzentrationstendenzen auch im Hörfunkbereich, heißt es weiter.

"Druck auf Medien und JournalistInnen hat nicht nachgelassen"

Darüber hinaus habe auch 2001 "der Druck auf Medien und JournalistInnen nicht nachgelassen". Es habe "nicht an Versuchen gemangelt, die journalistische Freiheit einzuschränken", so das Urteil der Salzburger Forscher. Konkret werden die Diskussion um die Novellierung der Strafprozessordnung, die Vorlage des Informations-Sicherheitsgesetzes sowie das Polizei- und das Militärbefugnisgesetz genannt. In Hinblick auf den ORF werden "fortgesetzte Interventionen von Regierungsseite vor allem während des ersten Halbjares 2001" und die "politischen Diskussionen" rund um das neue Gesetz und die Direktorenwahl kritisiert.

"Politische Show-(Pseudo-)Ereignisse"

Als negativen Trend macht der Bericht darüber hinaus den Weg Österreichs in eine "Mediokratie" aus: Politik werde zur Inszenierung von "politischen Show-(Pseudo-)Ereignissen" und bediene sich dabei der Medien. Inhalte beschränkten sich zunehmend auf politische PR und Werbung. Gerügt wird auch die "Kronen Zeitung" für "einen besonderen Höhepunkt des 'Kampagnenjournalismus'" in Sachen Temelin.

"Bild-Recycling"

Differenziert beurteilt der Bericht den Umgang der heimischen Medien mit dem 11. September - "zweifellos das Medienereignis des Jahres 2001". Positiv hervorgehoben werden die "Aktualitätsleistung" und das generell gestiegene Interesse an internationalen Zusammenhängen. Aber: Vielfache "Null-Informationen", fortgesetztes "Bild-Recycling" sowie "ein oft nur schwer zu verbrämender Voyeurismus" hätten die Berichterstattung ebenfalls gekennzeichnet. Nachsatz: "Vom Konformismus der Berichterstattung einmal abgesehen." (APA)

Der "Bericht zur Lage des Journalismus in Österreich" ist am Institut für Kommunikations- wissenschaft der Uni Salzburg, Rudolfskai 42, 5020 Salzburg, zum Preis von zehn Euro erhältlich. Eine PDF-Version des Dokuments steht auf der Homepage www.kowi.sbg.ac.at zum Download zur Verfügung.
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