von Clarissa Stadler
Freitag Abend

8. März 2002, 13:20
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Freitag Abend ist bei der italienischen Feinkost die Hölle los. Die Feinkostinsel im Billa ist keine Insel der Seligen. Nicht so kurz vor dem Wochenende. Da stellt sich die Gourmetgemeinde mit ihren Forderungen ein und rüstet ihre Designerkühlschränke auf. Die Verkäufer tragen kleine Schiffchen im Haar. Das nützt weniger der Hygiene als den Folklorevorstellungen der Kunden, verbreitet aber im Allgemeinen gute Laune. Vom Südländer erwartet man ja irgendwie Partystimmung.

Ein Verkäufer sieht aus wie Roberto Benigni. Er ist der einzige echte Italiener hinter der Theke. Logischerweise wollen alle von ihm bedient werden. Er hat den Authentikbonus, mit dem seine Kollegin aus dem Waldviertel nicht aufwarten kann. Er spricht die Käsenamen so verdammt italienisch aus und kann zu jeder Sorte eine kleine Geschichte erzählen. "Dieser hier ist der beste Freund des Prosciutto, müssen Sie probieren! Der da kommt aus meiner Heimat, müssen Sie probieren!!" usw . . .

Wer hierher kommt, erzählt gerne in schlechtem Italienisch vom letzten Urlaub in der Toskana und protzt vor der Freundin mit einer lässig hingeworfenen Gastro-Vokabel. Roberto Benigni lächelt in solchen Fällen gequält, spielt aber mit, weil er ein Herz für Frauen hat und der blonden Begleiterin des Cabriofahrers den Glauben an den Mann in ihm nicht vermiesen möchte. Er lässt sich auch geduldig auf das alte "Was ist denn der Unterschied zwischen San Daniele und Parma?"-Spiel ein und reicht geduldig Kostproben über den Tresen, obwohl die wartende Schlange schon bis zur Gemüseabteilung zurückstaut. Der Mann hat schließlich eine Mission.

Es gibt aber Grenzen der Gutmütigkeit. Drängelnde Erster-Bezirk-Hofratswitwen, die es nicht ertragen können, dass Roberto Benigni mit einem jungen Ding flirtet, lässt er kühl abblitzen. Die wenden sich dann empört ab. Das hätt's beim Meinl nicht gegeben.
Der Standard/rondo/08/03/02

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Clarissa Stadler
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