Flüchtige Ewigkeit auf Zypern

24. Mai 2005, 16:41
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Die zypriotische Halbinsel Akámas ist ein Mekka für Naturliebhaber - und für all jene, die es etwas entspannter mögen

Unvermittelt hört die schmale Asphaltstraße auf. Fortan schlängelt sich eine staubige Piste voller Schlaglöchern um die sanft ansteigenden Bergrücken. Nur ein paar verlassene, schon halb zerfallene Hirtenbauten erinnern an vergangene Landnahmen. Ansonsten ist man hier, im nordwestlichsten Zipfel Zyperns, von Buschland und immergrünen Stachelgewächsen umgeben. Ein herbes, berückend schönes Stückchen Land.

Akámas heißt der bis zu 500 Meter hohe Gebirgszug auf der schmalen Landzunge im Westen der Insel, ein kleiner Bruder des Tróodhos-Gebirges. Doch anders als auf dem bis fast 2000 Meter ansteigenden und mit Skiliften aufgerüsteten Gebirgszug im "grünen Herz" der Insel, sind hier Besucher rar. "Langsam kommt auch hier der Tourismus in Schwung", erzählt Christos Charalambous, doch so ganz sicher, ob er sich darüber freuen soll, scheint er nicht zu sein. Schließlich lebt der studierte Geologe von der unberührten Natur in diesem abgelegenen Winkel - und von den Besuchern, denen er sie näher bringt. Eintönig erscheint die karge Landschaft, die erst vor kurzem zum schützenswerten Naturreservat erklärt wurde, nur auf den ersten Blick. "Tiere und Pflanzen, die andernorts verschwunden sind", erklärt Charalambous während der naturwissenschaftlichen Erkundungstour, "finden hier noch einen Lebensraum. Von den etwa 1750 Pflanzenarten auf der Insel gedeihen auf der Akámas ganze 500." Seltene Orchideen und gemeine Alpenveilchen finden sich ebenso wie verschiedenste Wildkräuter, wie Thymian, Salbei oder Lorbeer. Die Blüte der Mandelbäume ist alljährlich eine besondere Attraktion.

Nach etwa sechs Kilometern über windige Höhen und schmale Bergschluchten hält der Landrover, der hier neben Mountain Bikes (oder in klimatisch günstigen Zeiten: den Wanderschuhen) das bequemste Fortbewegungsmittel ist, in der einsamen Lára-Bucht. Hier schwimmen alljährlich zwei Arten von Meeresschildkröten an Land, um ihre Eier im Sand abzulegen. Für die Chelonia Mydas, die "Suppenschildkröte", und die Caretta caretta haben Zoologen eigene Gittergerüste errichtet. "Wir müssen die akut vom Aussterben bedrohten Tiere und ihre Brutstätten vor den vielen Füchsen hier in der Gegend beschützen."

"Schützen" ist eines der Lieblingsworte des in Zürich ausgebildeten Geologen. Bisher hat man es geschafft, Spekulanten des Platzes zu verweisen und Hotelanlagen, wie es sie im Süden der Insel wie aufgefädelt gibt, zu verhindern. In dem am Rande der Akámas gelegenen Städtchen Polis, dem besten Ausgangspunkt für Erkundungen des Naturparks, hat sich in den letzten Jahren aber einiges getan. In den 80ern kampierten in der Bucht von Khrysokhoun noch vorzugsweise junge Rucksacktouristen aus Berlin West. Mit der staatlichen Fluggesellschaft der DDR kamen sie zu einem Spottpreis nach Zypern. "Unsere Stadt wurde damals Klein-Berlin genannt", erinnert sich Charalambous und erzählt schmunzelnd von den Hippies - und den Streifenjeans, die überall zum Trocknen hingen.

Heute finden sich in der Gegend - für viele eine der schönsten der gesamten Insel - die ersten Appartementhäuser. Von einem Bauboom könne man zwar noch nicht sprechen, "der Druck einiger Landbesitzer und Investoren aber ist groß." Immerhin eröffnete bei Polis vor kurzem das beste - und teuerste - Hotel Zyperns: das exklusive "Sechs-Sterne-Haus" Anassa. Noch allerdings schweift der Blick von der bevorzugten Lage am Rande der Bucht auf einen von Felsen durchbrochenen, mäßig bebauten Strand.

Die Leere, die man hier an der Küste als durchaus angenehm empfindet, kann etwas weiter im Inneren der Akámas erschrecken: Verlassene Häuser, ja ganze verlassene Dörfer gemahnen an die politische Realität Zyperns. Die türkische Bevölkerung der Insel lebt seit der Teilung des Landes 1974 bekanntlich im Norden Zyperns. "Seit einigen Jahren vermietet unsere Regierung die leerstehenden Häuser", erklärt Charalambous, "kehren die Besitzer zurück, müssen die Ferienhäuser wieder geräumt werden. Als das Projekt gestartet wurde, dachten die neuen Mieter, sie könnten die Häuser bis in alle Ewigkeiten bewohnen." Der Umschwung könnte auf Grund des derzeitigen politischen Tauwetters allerdings schneller gehen, als man noch vor kurzem annahm.

"Ewig" ist auch auf dem geschichtsträchtigen Zypern eher ein mythologischer Begriff. Mit den alten Göttern ist man auf der von der Sonne verwöhnten Mittelmeerinsel bestens vertraut. Ein kurzes Wegstück hinter Polis, vorbei an knorrigen Olivenbäumen, kleinen Zitronenhainen und - überraschend genug - an Bananenplantagen, gelangt man zu den sogenannten "Bädern der Aphrodite": An einem, dem tiefblauen Wasser zugeneigten Berghang liegt ein kleiner bescheidener Tümpel, der von überhängenden Felsen und reichlich Grün gerahmt wird. Hier soll es sich zugetragen haben, dass Akámas, der Sohn des Theseus und Namensspender des Gebirges, das Spiegelbild der nackten Aphrodite im Wasser erblickte. Spontan verliebten sich die beiden ineinander.

Dem frischen Wasser, vor dessen Genuss im übrigen eine Tafel am Rande des Beckens warnt, spricht Christos Charalambous noch immer besondere Fähigkeiten zu: Wer es kostet, wird sich hoffnungslos verlieben. Mit der Akámas könnte es Besuchern durchaus ähnlich ergehen. (Der Standard, Printausgabe, Stephan Hilpold)

Infos: Ausflüge auf der Akámas mit Ecologia-Tours: Tel.: 00357-26948808 oder www.zypern-ausfluege.de

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