70 Prozent der Armen weltweit sind Frauen

8. März 2002, 13:57
2 Postings

Karin Lukas von feministATTAC im dieStandard-Interview über unbezahlte Betreuungsleistungen und den angeblichen Sach- und Sparzwang

dieStandard: In den letzten Dekaden ist es zu einem massiven Abbau des Wohlfahrtsstaates gekommen. Wie schätzt feministATTAC die Folgen für die Frauen in den westlichen Ländern ein?

Karin Lukas: Da der Wohlfahrtsstaat, obwohl natürlich paternalistisch, wenigstens gewisse Umverteilungswirkungen gezeigt hat, belastet sein Abbau die Situation von Frauen noch stärker. Dieser unter angeblichem "Sachzwang" gezielt durchgeführte Abbau führt dazu, dass unbezahlte Betreuungsleistungen noch massiver an Frauen delegiert werden. Dieser, von der Schweizer Ökonomin Mascha Madörin als Care Economy bezeichneter Bereich, trägt unsere Gesellschaft und Wirtschaft.

Wenn Frauen dafür wieder vermehrt unbezahlte Dienstleistungen zu erbringen haben, ist das ein großer Rückschritt für die Geschlechtergerechtigkeit.

dieStandard: Global gesehen, nähern sich die Rahmenbedingungen von westlicher Welt und sogenannten Entwicklungsländern an oder verschärft sich der Unterschied?

Karin Lukas: Global zeichnet sich der Trend ab, dass sich sowohl zwischen Nord und Süd als auch innerhalb dieser Staaten die Einkommensschere vergrößert.

Hier nur eine Statistik der UNDP aus 2000: das Vermögen der 3 reichsten Milliardäre hat sich seit 1994 verdreifacht und ist größer als das Bruttoinlandsprodukt der 48 ärmsten Länder.

dieStandard: Welche Strategien sehen Sie für die Zukunft, diesem Trend entgegen zu wirken?

Karin Lukas: Eine Notwendigkeit ist jedenfalls eine Regulierung der entfesselten Finanzmärkte. Auf den Devisenmärkten werden täglich 1100 Milliarden Dollar umgesetzt, davon sind 97% rein spekulativ, das heisst, sie stellen keine realen Investitionen in die Wirtschaft dar, sondern nützen Währungsschwankungen und ähnliches aus.

Die bisher durch die instabilen Finanzmärkte ausgelösten Finanzkrisen in Asien und Südamerika (zuletzt Argentinien) schädigen ganze Bevölkerungen innerhalb kürzester Zeit. Studien haben gezeigt, dass Frauen hier wieder eine Hauptlast zu tragen haben: Finanzkrisen führen zu Sparkursen, die sich bis jetzt immer auf Sozialleistungen und Entlassungen im Staatssektor bezogen haben. Frauen werden vor den Männern entlassen, und die Streichung der Sozialleistungen spüren wir Frauen hier wie dort.

Ein zweiter wichtiger Punkt ist, dass gender budgeting betrieben wird. Das Staatsbudget muss nach seiner Geschlechtergerechtigkeit geprüft werden. Scheinbar gender-neutrale Budgetmaßnahmen sind bei genauerer Sicht oft kontraproduktiv. Für dieses notwendige Gender Impact Assessment gibt schon diverse Vorbilder, etwa Großbritannien, Australien, Südafrika oder Tanzania.

Es ist schlichtweg eine Sache des politischen Willens, hier etwas zu bewegen. Eine nachhaltige Kursanderung bedarf aber auch einer fundamentalen Umgestaltung der Politikprozesse. Wir fordern eine grundlegende und umfassende Demokratisierung der Wirtschaftspolitik. Das heißt zunächst einmal, keine Politik von oben und fernab der Öffentlichkeit, sondern Transparenz der Entscheidungen und vor allem breite Beteiligung aller Betroffenen, vor allem auch der Frauen.

Um dies zu erreichen, bedarf es einer radikalen Veränderung der internationalen Institutionen, zB Weltbank, IMF, WTO, aber auch der EU und der nationalen Politik.

dieStandard: attac betont immer, kein Gegner der Globalisierung zu sein. Wie steht es da bei feministattac?

Karin Lukas: wir sind für eine feministische Korrektur der derzeitigen Globalisierung. Wir glauben aber nicht, dass der Globalisierungsprozess an sich umkehrbar ist.

Wir haben dadurch ja auch die Möglichkeit, uns international mit anderen Gruppen zu vernetzen und Allianzen über Tausende von Kilometern zu bilden und damit Druck auf die Mächtigen zu machen. Die Zivilgesellschaft befindet sich zur Zeit in einer Aufbruchsstimmung, die es seit langer Zeit nicht mehr gegeben hat, das sehen wir als große Chance.

Allerdings kommt diese Informations- und Vernetzungsglobalisierung bis jetzt wieder nur denen zugute, die Zugang zu entsprechenden Ressourcen haben. Auch hier ist eine gerechtere Globalisierung dringend notwendig.

dieStandard: Welche Forderungen würden Sie gern an den Schluss stellen?

Karin Lukas: Wir fordern eine Globalisierung, die Geschlechtergerechtigkeit an oberste Stelle setzt. Wir fordern Finanzmärkte, die produktive Aktivitäten von Frauen und Männern fördern und der Logik einer menschlichen Entwicklung der Wirtschaft dienen. Der angebliche Sachzwang, dessen sich der Neoliberalismus bedient, ist eine gezielte Prioritätensetzung zugunsten der Mächtigen, der Konzerne und Spekulanten und zulasten von Migrantinnen, Alleinerzieherinnen und all jenen, die sich nicht den Schutzmantel des Kapitals umhängen können können.

dieStandard: Danke für das Interview.

Das Interview führte Elke Murlasits.

Share if you care.