Diskurs fördern, Mut zur Kontroverse zeigen
Wiens Kulturstadtrat Mailath-Pokorny antwortet auf einen STANDARD- Kommentar

6. März 2002, 21:09
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Ein 'Kommentar der Anderen'

Andreas Mailath-Pokorny, SP-Kulturstadtrat in Wien, kann und will den von Claus Philipp kritisierten Trend zur Eventkultur als Politikersatz (DER STANDARD, 21. 2.) nicht unwidersprochen lassen:

Kulturpolitiker haben keinen großen Handlungsspielraum, behauptet Claus Philipp in seinem Kommentar. Deshalb, so Philipp weiter, bedienen sie sich eines "Marketings für Minimalaufwand", um sich - trotz begrenzten Gestaltungsspielraumes - zu profilieren.

Ich behaupte: Der Gestaltungsspielraum ist so groß, wie man ihn zu nützen versteht. Ein Kulturpolitiker ist zwar kein Regisseur, kein Kunstschaffender. Ein Kulturpolitiker ist eher ein künstlerischer Direktor, der mit Fingerspitzengefühl, Kunstsinn und einem Grundverständnis von Kostenkalkulation die Dinge ins richtige Licht rückt.

Politischer Gestaltungsspielraum bedeutet, gute Projekte auszusuchen, zu bewerten, finanziell zu unterstützen und damit zu ermöglichen. Kulturpolitik heißt, Schwerpunkte zu setzen und zu einem sinnvollen Ganzen zu verbinden.

Das ist auch die Idee von "Dialog. Diskussion. Demokratie". Unter diesem Titel werden in den kommenden ein bis zwei Jahren Veranstaltungen und Projekte in Wien präsentiert, die teilweise durch die Stadt Wien finanziert, teilweise auch eigens organisiert werden. Allen gemeinsam ist ein - zutiefst politisches - Anliegen:

Es sollen Räume für kritischen Austausch, für Diskussionen und Kontroversen geöffnet werden. Besondere Vermittlungsangebote für Schüler, für Ältere sollen genau diesen Austausch und den Dialog der Generationen fördern.

Claus Philipp liegt falsch, wenn er meint, "der Stadtrat" habe erst "händeringend von der Präsentation der Wehrmachtsausstellung überzeugt werden müssen". Im Gegenteil: So viel Handlungsspielraum habe ich mir als Kulturstadtrat genommen, dass ich mir in Berlin selbst ein Bild über die neue Ausstellung ("Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941-1944", zu sehen in Wien ab April 2002) machen konnte.

Überzeugt davon, dass die Schau nicht nur hervorragend gemacht, sondern auch didaktisch interessant umgesetzt wurde, habe ich mich entschlossen, dem Wiener Gemeinderat die Unterstützung der Ausstellung in Wien zu empfehlen.

Mein Anspruch allerdings - auch das ist ein politisches Bekenntnis - ist, den Sinn der Ausstellung, nämlich die kritische Auseinandersetzung mit einem sehr emotional besetzten Thema, durch zusätzliche Veranstaltungen zu unterstützen:

Ergebnis sind ein Symposion in Zusammenarbeit mit dem Institut für Zeitgeschichte, ein Vortrag von Hans Mommsen, dem wichtigsten Zeithistoriker zu dem Thema, und ein Schulprojekt, bei dem Schulklassen mit Zeitzeugen diskutieren werden. Ein zweites Beispiel ist ein Workshop des Demokratiezentrums Wien zum Thema der so genannten Benes-Dekrete. Um festgefahrene Diskussionsstränge zu verlassen, wird das Thema von internationalen Wissenschaftern beleuchtet. Ein Ansatz, der in der bisherigen Diskussion völlig vernachlässigt wurde.

Es stimmt, der Kulturstadtrat verdankt viel von seiner Vorarbeit anderen. Und ohne die Zusammenarbeit mit innovativen, geschickten Wissenschaftern und Kulturschaffenden wäre wohl noch so viel Gestaltungsspielraum sinnlos.

Andererseits: Gute, innovative und kritische Projekte zu initiieren, zu unterstützen (damit erst möglich zu machen) und in einen gemeinsamen Kontext zu bringen sind ein politisches Bekenntnis und ein Ausschnitt dessen, was Kulturpolitik will: nämlich kritischen Diskurs zu ermöglichen und Mut zur Kontroverse zu zeigen.

Den Vorwurf des STANDARD, damit "Marketing für Minimalaufwand" zu betreiben, nehme ich gern in Kauf. Besser, um eine gute Sache geworben als zu vielen üblen geschwiegen.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7. 3. 2002)

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