Montblanc: Tunnelöffnung unter Blockadedrohung

6. März 2002, 21:01
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Drei Jahre nach der Brandkatastrophe wird der Montblanc-Tunnel wieder geöffnet. Doch schon zeichnet sich ein neues Hindernis ab ...

... Umweltschützer drohen mit Blockade, sollte der Transitverkehr zu schwer werden.

Die Sicherheitsexperten haben am Dienstag die letzten Tests abgeschlossen und als "zufrieden stellend" bezeichnet. Erstmals seit der Brandkatastrophe am 24. März 1999 mit 39 Toten sollen am Samstag wieder offiziell Personenkraftwagen durch den 11,6 Kilometer langen Montblanctunnel gelassen werden. Ab 18. März soll der Tunnel dann auch für Lastwagen passierbar sein.

Sanierung kostete 300 Millionen Euro

Damit ging die rund drei Jahre dauernde Sanierung, die rund 300 Millionen Euro gekostet hat, zu Ende. Neue Fluchtkammern und ein spezielles Belüftungssystem sollen Katastrophen künftig ver-meiden, auch die Einrichtungen zur Brandbekämpfung wurden auf den jüngsten Stand der Technik gebracht.

Umweltbelastung

Die Sicherheit im Tunnel scheint also bestmöglich hergestellt zu sein, was aber das Hauptproblem dieser Verbindung zwischen Frankreich und Italien in keiner Weise löst: die Umweltbelastung durch Transitschwerverkehr.

Vor knapp 37 Jahren für jährlich 450.000 Durchfahrten konzipiert, passierten den Straßentunnel zuletzt zwei Millionen Fahrzeuge pro Jahr, im Gegenverkehr, jede Richtung nur eine Fahrbahn, getrennt nur durch Sperrlinie.

48 Prozent dieser Fahrzeuge gehören zum internationalen Transitverkehr. Dementsprechend begleiteten die drei Jahre der Sanierungsarbeiten nicht nur technische, sondern auch politische Probleme. Denn der Schwerverkehr ist es, der die Täler in Lärm und Abgasen versinken lässt.

Bürgerinitiativen haben auf beiden Seiten des Tunnels mehr als 250.000 Unterschriften gesammelt, um die Rückkehr des Schwerverkehrs zu verhindern. Bei den Politikern des Aosta-Tals stößt derlei Protest auf taube Ohren - zu sehr profitiert das Land vom endlosen Lkw-Strom.

Teure Zufahrt

Seit der Öffnung der Märkte kann beim grenzüberschreitenden Warentransport zwar keine Mehrwertsteuer mehr kassiert werden, doch in Rom braucht man die Volksvertreter der autonomen Region als Mehrheitsbeschaffer und ersetzt den Valdostani die entgangenen Einnahmen einfach aus der Staatskasse.

Weil die Lastwagen im Grunde willkommen sind, leitete die Landesregierung Mitte der Achtzigerjahre eine der teuersten Symptombehandlungen aller Zeiten ein: Sie entschied sich für den Weiterbau der Autobahn Turin- Aosta bis hinauf nach Courmayeur am Tunneleingang und übernahm die Hälfte der Kosten.

Was das nur 32 Kilometer lange, vor kurzem fertig gestellte Teilstück immerhin eine Milliarde Euro teuer macht, sind die großzügige Dimensionierung der Fahrbahn, der Bau talüberspannender Brücken und vor allem die Tatsache, dass drei Viertel der Strecke unter Tage verlegt wurden. Der Bergwald stirbt nun zwar weiter, aber den Lärm und den Protest der Anwohner ist man erst einmal los.

Unter den Landespolitikern steht der Präsident der Verdi-Alternativi ziemlich allein da. In einem politischen Gebilde wie dem Aosta-Tal, in dem die Administration Anteilseigner der Autobahngesellschaft ist, dürfen sich Verkehrsgegner keine Illusionen machen.

Die italienische Bürgerinitiative hat deshalb die Forderung nach dem Verschwinden des Schwerverkehrs schon vorsorglich auf Fahrzeuge mit mehr als 28 Tonnen abgeschwächt. Schließlich fehlt auch der Rückhalt der Bürgermeister. Die gehören allesamt der Union Valdôtaine an, der nahezu allein regierenden Autonomie- und Autopartei des Aosta-Tals.

Geeinte FranzösInnen

Anders ist es auf der französischen Seite, und das ist die große Hoffnung der Transitverkehrskritiker. Die Kommunalpolitiker des oberen Arve-Tals haben allesamt die Petition der Bürgerinitiativen unterschrieben, die Bevölkerung steht ebenfalls dahinter und auch Feuerwehr, Gewerkschaften und Bergführer sind schon gegen die Wiederkehr der Lastwagen auf die Straße gegangen.

Michel Charlet, der Bürgermeister von Chamonix, drohte den Politikern im fernen Paris sogar damit, mit zweitausend Gleichgesinnten die Tunnelzufahrt zu blockieren, falls man die Forderungen der Anwohner ignoriere. (DER STANDARD, Printausgabe 06.03.2002)

von STANDARD-Mitarbeiter Gerhard Fitzthum aus Courmayeur
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