Paris: Karussell der Affären

6. März 2002, 20:01
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Wahlkämpfe sind kein Honiglecken - Auch der französische nicht - Ein Kommentar von Christoph Winder

Wahlkämpfe sind selten ein Honiglecken, und manchmal führen sie sogar in Bereiche klar jenseits der Ekelschwelle. Bei einer Stippvisite in einem übel beleumundeten Vorort von Paris musste sich der französische Staatspräsident Jacques Chirac am Dienstag nicht nur als Gauner und Lügner beschimpfen lassen, sondern er wurde von einer Horde erzürnter Halbwüchsiger überdies noch kräftig angespuckt.

Zu einer subtileren, aber auch peinsameren Form der Kandidatenbesudelung schreiten dieser Tage auch noch andere Zeitgenossen. Mit feinem Gefühl für Timing hat etwa der Untersuchungsrichter Eric Halphen mitten im laufenden Präsidentschaftswahlkampf seine persönliche Passionsgeschichte publiziert, die er wegen seiner Ermittlungen über die labyrinthischen Finanzierungskanäle der gaullistischen RPR erleben musste. Und Didier Schuller, ein ehemaliger Parteifreund Chiracs, der ebenfalls auf unklare Art in die "Skandale" verstrickt ist, enthüllte der Tageszeitung Le Monde, dass er Frankreich 1996 nicht freiwillig in Richtung Karibik verlassen habe, sondern wegen ernst zu nehmender Androhungen physischer Gewalt, die ihn aus dem Umfeld Chiracs erreicht hätten.

Zu effektiven Schuldbeweisen waren weder Halphen noch Schuller in der Lage, aber sie haben es erreicht, dass Chirac seinen Wahlkampf in reichlich skandalgeschwängerter Atmosphäre führen muss. Ob er damit das Verständnis der Franzosen, die durchaus einen Sinn für die dunklen Seiten der Politik haben, über Gebühr strapaziert, ist noch unklar. Aber der Umstand, dass er in Umfragen erstmals hinter seinen Hauptgegner Lionel Jospin zurückgefallen ist, sollte und wird Chirac zweifel- los zu denken geben. Der von seiner trotzkistischen Vergangenheit verfolgte Sozialist Jospin darf sich jedenfalls darüber freuen, dass er bis dato selbst noch keinen Finger rühren musste, um das Affärenkarussell um Chirac in Bewegung zu halten. (DER STANDARD Print-Ausgabe, 7.3.2002)

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