Suche nach dem frischen Blick

6. März 2002, 20:26
posten

Über eine New York-Reise mit den Wiener Philharmonikern: Dirigent Bernard Haitink im Gespräch

Wien - Ganz neue Erfahrungen dürfen Dirigenten zurzeit auf ihren US-Reisen machen: Auf dem Flug von San Antonio nach Phoenix wurden dem Chef der Niederösterreichischen Tonkünstler, Carlos Kalmar, von der Fluglinie alle Taktstöcke konfisziert, die er im Gepäck hatte, - mit der Begründung, Taktstöcke ließen sich als Waffe gegen das Bordpersonal verwenden.

Dass ihm auf seinen USA-Flugreisen ähnlich Seltsames widerfahren sei wie dem Kollegen, kann Maestro Bernard Haitink nicht bestätigen.

Zweifellos aber sei in den USA einiges strenger geworden, meint er: "In Boston, wo ich zuletzt war, musste man sogar die Schuhe ausziehen! Und es gibt auf Flughäfen viel Militär." Demnächst stehen für den Niederländer wohl neue Flughafen-Erfahrungen bei Uncle Sam an.

Mit den Wiener Philharmonikern bricht er am Wochenende zu einer US-Tournee auf (kein Linienflug, sondern eine Chartermaschine), die in New York neben den Auftritten in der Carnegie Hall auch ein Gratiskonzert in der St. Patrick's Cathedral gegenüber dem Rockefeller Center beinhaltet. Ein Gedenkkonzert für die Opfer des 11. September.

An die drei Jahrzehnte ist der 73-Jährige den Wienern nun verbunden. Er lobt die Individualität ihres Klanges, die natürlich auch etwas mit dem Musikverein zu tun habe. "Das ist ihr Saal, dort konnte sich der Sound entwickeln." Obwohl: Orchesterindividualität, findet Haitink, der in London lebt, sei im Grunde eine immer seltener anzutreffende Qualität. "Ich nenne das immer Unisex!"

Natürlich, in Dresden fände man noch einen ganz eigenen Sound. Und die Berliner Philharmoniker? "Das ist eine fantastische Maschine, virtuos, sie haben aber nicht so einen ausgeprägten Klang wie die Wiener." Haitinks Ästhetik ist sicher auch vom Amsterdamer Concertgebouw Orchestra geprägt worden. Früh nahm er diesen Klang auf, den Willem Mengelberg begründet hatte - er bekam auch Geigenunterricht von einem Orchestermitglied.

Ein Zeitlimit

Später, als Siebenundzwanzigjähriger, dirigierte er, als er für den erkrankten Carlo Maria Giulini einsprang, zum ersten Mal das Orchester, und als 31-Jähriger wurde er dessen Chefdirigent. Und blieb dies 25 Jahre. "Das ist eine lange Zeit, eine Ausnahme. Heute würde ich sagen, dass es ein Zeitlimit geben sollte. Orchester und Dirigent sollten frische Luft bekommen. Man kennt einander schon zu gut - das ist auch gefährlich."

Solide bis tiefgründig - so lässt sich Haitinks Arbeit beschreiben, die gerne um die Romantik kreist. Wenn man Haitink zuhört, spürt man allerdings, dass beim Erarbeiten der Werke ausgiebig gekämpft wird - vor allem mit sich selbst. "Es ist nie einfach. Man hat ein Stück niemals wirklich erobert, und je älter man wird, umso mehr wundert man sich über die Talente der Komponisten. Es ist fast nicht zu verstehen, was da passiert." Erhellend sind übrigens Partituren, neue Partituren der bekannten Werke - also frei von alten Notizen. "Für den frischen Blick sind sie hilfreich."
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7. 3. 2002)

Von
Ljubisa Tosic

  • Artikelbild
    foto: standard/cremer
Share if you care.