Auch HelferInnen waren in Lebensgefahr

6. März 2002, 20:33
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Am Tag nach dem Jaguarunfall im Tiergarten Schönbrunn wird klar: Der Pflegerin unterlief ein tödlicher Fehler ...

... Direktor Pechlaner und sein Assistent waren in akuter Lebensgefahr.

Wien - Ein warmer Frühlingstag. "Hänsel und Gretel verliefen sich im Wald ..." Die kleine Spaziergängerin, die Mutter wenige Meter dahinter, trällert unbekümmert. Am Tag zuvor ist jener Unfall passiert, bei dem eine 21-jährige Tierpflegerin von drei Jaguaren während der Fütterung zu Tode gebissen wurde. Ein vergessener Sicherheitsschuber hatte den Wildkatzen den Weg aus ihren Boxen frei gemacht.

Vor dem Eingang zum Großkatzenhaus ein Schild an der Tür: "Wir trauern um unsere Freundin und Mitarbeiterin Sabine." Bitte Verständnis, heute kein Zutritt möglich.

Im einsehbaren Außengehege sitzt einer der drei Jaguare. "So ein Schlingel", der kleine Jakob fuchtelt. Eine Besucherin starrt das Tier an, es reckt den Schädel, schleckt mit der Zunge über sein Maul. "Ich krieg gleich Gänsehaut."

Unterdessen versuchen die MitarbeiterInnen im Zoo ihrer Arbeit nachzugehen, den Tod von Sabine zu verkraften. PsychologInnen helfen jenen, die sich aussprechen wollen.

Jaguare attackieren, um ihre Region zu verteidigen

Zoologe Harald Schwammer beantwortet im Pavillon daneben geduldig JournalistInnenfragen, warum die Tiere angegriffen haben: "Jaguare attackieren sofort, wenn sie ihre Region verteidigen wollen. Das ist absolut typisch für sie."

Bewusst wird im Nachhinein, wie sehr Direktor Helmut Pechlaner und Assistent Peter Linhart in Gefahr waren, als sie ins Jaguargehege eilten, um der Pflegerin zu helfen. Sie mussten erst einen Schlüssel holen - als sie ins Gehege kamen, war der tödliche Angriff zwar vorbei, die Tür zum Pflegerbereich war jedoch ebenso offen wie der Schuber zu den Boxen der Raubkatzen. Pechlaner versammelte die HelferInnen im Zuschauerbereich und öffnete dann vorsichtig die Tür in den Pflegerraum - dort hätte längst schon eine Raubkatze sein können.

Vertreibungsversuch mit Wasserschlauch

Der Raum war leer, Pechlaner und Linhart rannten zur nächsten Tür und zogen diese zu, dabei wurde Pechlaner verletzt. Mit einem Wasserschlauch versuchten sie den schwarzen Jaguar von der toten Pflegerin zu vertreiben, schließlich musste der Zoologe Harald Schwammer zur Waffe greifen und dem Tier in die Pfote schießen. Die Tiere flüchteten, die Schuber wurden geschlossen, erst jetzt konnte man zum Opfer.

Pechlaner wurde im AKH operiert, "es geht im gut", sagt Verwaltungsleiter Gerhard Kasbauer, "aber er ist psychisch mitgenommen".

Gab es jemals Gefahr für die ZoobesucherInnen? Das verneinen die Tiergartenchefs. Zoologe Schwammer verfügt über einen Waffenpass, im Tiergarten gebe es ein Waffenlager. Wenn Menschen gefährdet seien, müsse man schießen.

BesucherInnen im Zoo bekommen von der Arbeit der TierpflegerInnen lediglich einen kleinen Ausschnitt mit. Die PflegerInnen absolvieren eine mehrjährige Ausbildung, viele beginnen als Lehrling. Das Monatsgehalt liegt zwischen 1400 und 1600 Euro brutto. (DER STANDARD, Printausgabe 07.03.2002)

von Andrea Waldbrunner
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