"Manchmal ein Hexenkessel"

7. März 2002, 11:41
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Staatssekretär Waneck besuchte desolate hygienische Zustände bei den Gendarmen im Grenzeinsatz - und fand sie nicht

Marchegg - Heute ist ein ruhiger Tag am Posten Marchegg: Nur 20 Flüchtlinge sind an der einen Kilometer entfernten slowakischen Grenze erwischt worden. Das ist für die Gendarmen gut, einerseits: Müssen sie doch weniger Fingerabdrücke abnehmen und Protokolle schreiben. Andererseits wäre gerade heute ein weniger ruhiger Tag nicht schlecht: Dann hätte das, was der zur Inspektion ins niederösterreichische Grenzland ausgerückte Gesundheitsstaatssekretär Reinhart Waneck sieht, besser zu dem gepasst, was er hört.

"Desolate" hygienische Zustände

Gehört hat er, von seinem FPÖ-Parteifreund, dem Niederösterreicher Robert Wenisch, dass die hygienischen Zustände "desolat" sind. Für die Beamten, nicht für die Flüchtlinge, wohlgemerkt, deshalb ist Waneck gekommen. Sehen tut er anderes: leere Zellen, halbleere Zellen, davor Schuhhäufchen, drinnen Flüchtlinge, die einen "guten Eindruck" machen, wie Waneck durchs Zellenguckloch diagnostiziert, Flüchtlinge, die sich fotografieren und befragen lassen. Kurz: "Es läuft alles ordnungsgemäß", summiert Waneck das Gesehene.

Hören tut er, dass wenig ordnungsgemäß läuft: "Bis zu 147 Illegale haben wir pro Tag da", donnert Chefinspektor Hermann Emminger. Und wirft mit Zahlen um sich: 15 Beamte durchschnittlich im Postendienst, heuer 1200 aufgegriffene Flüchtlinge im Bezirk, im Vorjahr 6598, vor allem Afghanen und Iraker, und das bei einem "maximalen Platz für 50". "Ich kann mir schon vorstellen, dass das manchmal ein Hexenkessel ist", nickt Waneck.

Stichwort Flüchtlinge

Das ist das Stichwort für FPÖ-Personalvertreter Gerhard Reischer: "Manche Flüchtlinge haben offene TBC, und die Kollegen haben Körperkontakt." Was ihn aber noch mehr stört: Die Kollegen fahren die Flüchtlinge vom Posten ins Lager Traiskirchen, "und von dort verschwinden die. Wir sind quasi Teil der Schlepperroute."

Das ist ein Leibthema der niederösterreichischen FPÖ. Deren Obmann Ernst Windholz regt sich Mittwoch in St. Pölten über illegale Flüchtlinge auf, Reischer tut das in Marchegg. Bloß: Waneck ist nicht zuständig. "Ich werde mit dem Innenminister reden", verspricht er, und auch, dass er sich für einen zusätzlichen Amtsarzt, der die Flüchtlinge am Posten untersucht, einsetzen wird. Was der Besuch gebracht hat? - "Immerhin war ein Regierungsmitglied da. Das zeigt, dass wir die Sorgen ernst nehmen." (DER STANDARD Print-Ausgabe, 7.3.2002)

Von Eva Linsinger
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