Düstere Prophezeiungen zur Wohnbaupolitik

6. März 2002, 15:19
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Laut Experten drohen Verknappung und Preisschübe

Wien - Eindringlich warnen Experten vor gravierenden Verschlechterungen auf dem Wohnungsmarkt, die sich als Folge der absackenden Förderungen ergeben könnten. Nach einem Bauboom in der zweiten Hälfte der Neunzigerjahre ist der Markt zwar teilweise gesättigt, schon in drei Jahren dürfte es nach Meinung der Experten aber zu einer neuen Verknappung des Angebots kommen. Diese werde vor allem jene treffen, die neu auf den Wohnungsmarkt kommen - also hauptsächlich die junge Generation. Das Verhalten der heutigen Wohnbaupolitik sei daher "fahrlässig" und komme einer "Aufkündigung des Generationenvertrags" gleich, warnte der Obmann des Verbands der gemeinnützigen Bauvereinigungen (GBV), Karl Wurm bei einer Diskussion am Dienstagabend.

Bisher standen pro Jahr rund 2,9 Mrd. Euro an Wohnbauförderung zur Verfügung, 1,74 Mrd. vom Bund, eine weitere gute Milliarde Euro standen aus den Rückflüssen aus Wohnbaudarlehen zur Verfügung. Durch Gesetzesänderungen im Jahr 2001 wurden diese Rückflüsse ganz oder teilweise von ihrer bisherigen Zweckbindung für den Wohnbau befreit. Einzelne Bundesländer verkaufen ihre Forderungen an Banken, um ihre Budgets zu entlasten - ebenfalls mit der Folge, dass die bisherigen Rückflüsse aus den Darlehen nicht mehr zur Verfügung stehen. "Diese Quelle für den Wohnbau versiegt. Wenn kein Ersatz gefunden wird, wird eine Finanzierungslücke entstehen", sagte GBV-Expertin Eva Bauer bei einer vom "Standard", dem Fachmagazins "Wohnen Plus" und dem "Wohn Service Wien" organisierten Veranstaltung. Eine Entlastung durch die freie Wohnbaufinanzierung sei nicht zu erwarten, meinte Bauer.

Ausklinken

Dass sich Bund und Länder nicht aus der Wohnbauförderung ausklinken können, steht auch für Wifo-Expertin Margarete Czerny fest. Wohbaupolitische Vorstellungen seien in den vergangenen Jahren den "kurzfristigen Überlegungen der Budgetkonsolidierung zum Opfer gefallen", darüber hinausgehende sozialpolitische und gesellschaftspolitische Überlegungen würden "nicht angestellt". Porr-Vorstandschef Horst Pöchhacker verglich das Herunterfahren der Wohnbauförderung mit der Situation 1987, als die Zweckbindung der Mineralölsteuer (MöSt) für den Straßenbau aufgehoben wurde. Die Folge davon sei der heutige "enorme Aufholbedarf bei der Infrastruktur", warnte Pöchhacker, der auch Chef der Vereinigung Industrieller Bauunternehmen (VIBÖ) ist. "Es gibt einen Bedarf, aber dieser Bedarf wird öffentlich weg geredet."

Die Folgen verfehlter Wohnbaupolitik beschrieb Michael Wagner-Pinter von der Synthesis Forschungs Gesellschaft anhand dreier europäischer Negativbeispiele: In London gebe für Neuwohnungen jährliche "Preisschübe bis zu 30 Prozent", in Paris seien ganze Viertel zu Slums geworden, in Stockholm lebe die Hälfte der dort Arbeitenden außerhalb der Staadtgrenzen und müsse lange Anfahrtswege in Kauf nehmen. (APA)

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