Claudia Hagenauer und Jimenez de Glaser Marina

6. März 2002, 14:25
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DSA Claudia Hagenauer, Mitarbeiterin der Wohndrehscheibe der Volkshilfe Österreich:

8. März 2002:
Der 8. März ist mir verlorengegangen – bedeutungslos. Eigenartig.
Mein Alltag: beinahe 40 Jahre alt, aufstehen, Frühstück für meine Tochter vorbereiten, den Tag mit ihr besprechen. Wenn sie weg ist, in Ruhe Kaffee trinken.

Dann in die Arbeit: Sozialarbeit, typisch weiblich. Anteil nehmen, versorgen, zuhören, Lösungen entwickeln, aber auch die Menschen ein Stück leiten und begleiten. Und dabei immer auf die Grenze achten. Eine anstrengende Tätigkeit: MigrantInnen bei der Wohnungssuche unterstützen. Am späten Nachmittag noch zur Uni, Vorlesung, Studium der Politikwissenschaft und Ethnologie an der Universität Wien, 5 Zeugnisse pro Semester. ICH.

In der Arbeit fällt es mir auf, daß es die Frauen sind, die die Familien in Krisensituationen weitertragen, auch wenn rundherum schon alles zusammenbricht. Sie halten durch, arbeiten weiter, versorgen ihre Kinder und Ehemänner, auch um den Preis ihrer Gesundheit, ihres körperlichen und psychischen Wohls. Migrantinnen ganz besonders, weil sie in besonderer Unsicherheit leben. Frauen. Die stillen Trägerinnen von Verantwortung. Noch immer das gleiche Schema? Die gleiche Schablonisierung? Was hat sich geändert in den letzten 20 Jahren, seit der Phase meines kämpferischen Feminismus? Es hat sich was geändert. Langsam, unmerklich. Ich hab mich verändert. Die feministische Haltung lebt in mir, feiner, durchdachter. Keine revolutionären Parolen, kein provokanter Kampfesgeist. Anders. ES HAT SICH WAS GEÄNDERT.

Jimenez de Glaser Marina, Klientin der Wohndrehscheibe:

8. März 2002:
"Der 8. März ist für mich genau so ein Tag wie alle anderen. Alltag. Ich komme aus der Dominikanischen Republik und weiß, daß das der Internationale Frauentag ist. Aber auch an diesem Tag muß ich alles so erledigen wie immer. Frauentag?! – für mich egal. Um halb fünf steh ich auf, um für meine fünf Kinder das Frühstück vorzubereiten. Um halb sechs gehe ich von zu Hause weg in die Arbeit, bis 13 Uhr. Dann nach Hause, kochen, die Kinder versorgen, mit ihnen den Alltag organisieren, die notwendigen Dinge für die Schule erledigen, einkaufen, putzen,.. Bis 19 Uhr das Abendessen vorbereiten, danach wieder alles saubermachen. Ein bißchen fernsehen, schlafen. Ich war bis vor einem halben Jahr mit meinem Lebensgefährten zusammen, die häufigen Auseinandersetzungen haben letztendlich zur Trennung geführt. Für kurze Zeit kann ich noch mit den Kindern in seiner Wohnung bleiben. Er ist vorübergehend ausgezogen. Deshalb benötige ich mit meinen Kindern eine eigene Wohnung. Ich hatte Angst, mit den Kindern auf der Straße zu landen, als Alleinerziehende, ohne finanzielle Unterstützung. Ich gehe nun jeden Montag nachmittags zur Volkshilfe. Dort bekomme ich Unterstützung für die Wohnungssuche, da ich mich selbst mit Wohnungen in Wien nicht auskenne und auch nicht so perfekt deutsch spreche. Ich fühle mich sicher so, und auch für die notwendigen finanziellen Mittel für Kaution und Provision konnte mir geholfen werden. Ich habe bereits einige Wohnungen besichtigt, mit etwas Glück habe ich vielleicht schon eine passende Wohnung in Aussicht. Das ist mir wichtiger als der 8. März.

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